Schweiz: Umstrittener Bischof Vitus Huonder bleibt im Amt

Papst Franziskus nimmt überraschend den Rücktriitt des 75-jährigen Bischofs von Chur nicht an

Vitus Huonder
Bistum Chur

Mit ihrem 75. Geburtstag müssen römisch-katholische Bischöfe beim Papst ihren Rücktritt einreichen – und der nimmt ihn für gewöhnlich auch an. Eine Ausnahme machte Papst Franziskus ausgerechnet bei Vitus Huonder, dem umstrittensten Bischof der Schweiz. Er bleibt noch zwei Jahre im Amt. Lesben und Schwule sind über diese Entscheidung des Vatikans nicht erfreut.

Konservativer Bischof bleibt im Amt, liberale Kirchenvertreter sind schockiert

Die Entscheidung von Papst Franziskus ist ein Schlag ins Gesicht der liberalen Katholiken in der Schweiz: Das Rücktrittsgesuch von Huonder, erzkonservativer Bischof der 700.000 Gläubige starken Diözese Chur, wurde abgelehnt. Die Schweizer Pfarrei-Initiative, die sich für eine Erneuerung der katholischen Kirche einsetzt, ist „schockiert“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Ins Amt gewählt wurde er im Jahr 2007 – und seitdem hat er auch wiederholt Stimmung gegen sexuelle Minderheiten gemacht. Im Jahr 2013 erklärte er ausgerechnet anlässlich des Tages der Menschenrechte in einem Hirtenbrief, die Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben würde Ehe und Familien zerstören. Er stelle sich gegen das „vermeintliche Recht gleichgeschlechtlicher Paare, zu heiraten und Kinder zu adoptieren“: „Die Auslieferung von Kindern an gleichgeschlechtliche Paare beraubt sie der Grundlage einer gesunden psychischen Entwicklung“, so Huonder damals.

Rechtfertigung der Todesstrafe für Schwule machte Huonder bekannt

Zwei Jahre später ging Vitus Huonder noch einen Schritt weiter: Beim kircheninternen Forum „Freude am Glauben“ im deutschen Fulda rechtfertigte er die Todesstrafe für Schwule mit einer Bibelstelle. „Wenn die Heilige Schrift sagt, etwas sei ein Gräuel vor dem Herrn (Lev 18,22; 20,13), dürfen wir die Menschen nicht in der Meinung lassen, wenn es ‚aus Liebe‘ (in Anführungszeichen) geschehe, sei es gut und es könne durch eine sogenannte Segnung gleichsam saniert werden“, so der Bischof damals.

In der zweiten zitierten Bibelstelle heißt es: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen“ – sie sollen also getötet werden. Unter Applaus der Anwesenden sagte Huonder: „Die beiden Stellen allein würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben.“

Auch der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz distanzierte sich von Vitus Huonder

Die Äußerungen sorgten für massive Kritik an Huonder: Auch der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, ging auf Distanz zu seinem Amtskollegen. In einem Brief an alle Mitarbeiter der Seelsorgemitarbeiter seiner Diözese erklärte der Bischof von St. Gallen, ein verantwortungsvoller Umgang mit Sexualität sei für das eigene Wohl wichtiger als eine hetero- oder homosexuelle Neigung.

In der Botschaft Jesu stehe die Nächstenliebe im Vordergrund. Deshalb gehöre es auch zur Beachtung dieser Würde, „eine Person und ihre Beziehungen nicht auf die Sexualität zu reduzieren“. Hier könne die Bibel nicht wörtlich zitiert werden, sondern brauche eine Interpretation, so der ranghöchste Bischof der Schweiz.

Schweizer Schwulenorganisation Pink Cross zeigte den konservativen Bischof an

Auch in der Schweizer Community sorgte die Aussage für Empörung: „Ein Kirchenvertreter lebt in keinem rechtsfreien Raum. Wer so argumentiert und indirekt sagt, Homosexuelle sollen getötet werden, ist kein Kirchenmann – sondern ein Hetzer und Straftäter”, erklärte Bastian Baumann, Geschäftsleiter der Schweizer Schwulenorganisation „Pink Cross“. Diese zeigte den Churer Bischof sogar wegen des Aufrufs von Gewalt an – das Ermittlungsverfahren wurde von der Staatsanwaltschaft nach zwei Monaten niedergelegt.

Doch inhaltlich hat sich Huonder seitdem nicht weiterentwickelt. Bei einem Interview, das der 75-Jährige anlässlich der Verlängerung seiner Amtszeit der „Luzerner Zeitung“ gab, verteidigte er seine damaligen Worte: „Das war keine Provokation, sondern ein Hinweis auf Grundsätze“, so der Bischof. Ein Satz seiner Rede sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, so Huonder: „Wenn man den ganzen Text liest, kommt niemand auf die Idee, dass ich jemanden vor den Kopf stoßen wollte“, ist er überzeugt.

Und der alternde Bischof sieht sich sogar als eine Art Verbündeten für Lesben und Schwule: „Ich machte aufmerksam auf die Seelsorge, die pastorale Liebe auch im Umgang mit homosexuell empfindenden Menschen. Das hat man vollständig unterschlagen“, erklärt Huonder gegenüber der „Luzerner Zeitung“. Unter „pastoraler Liebe“ versteht der 75-Jährige übrigens, Lesben und Schwulen zu sexueller Enthaltsamkeit aufzurufen.