Missbrauchsprozesse: US-Pfadfinder melden Konkurs an

Justitia
Archiv

In den Vereinigten Staaten musste der Dachverband der US-Pfadfinder, die Boy Scouts of America, am Dienstag Konkurs anmelden. So will die Organisation sicherstellen, den Opfern sexuellen Missbrauchs innerhalb der Pfadfinder Entschädigungen zahlen zu können.

Fast 300 Missbrauchsklagen gegen die Organisation

Denn derzeit laufen an den US-Gerichten um die 300 Missbrauchsklagen gegen die Organisation. Sie seien „das Ergebnis einer jahrzehntelangen Verschleierung von Missbrauch durch die Boy Scouts und ihre erwachsenen Anführer“, erklärte Anwalt Paul Mones, der Hunderte Männer vertritt, die als junge Pfadfinder missbraucht wurden sein sollen.

Den im Jahr 1910 gegründeten Boy Scouts of America wird außerdem vorgeworfen, Misshandlungen und Missbrauch von Burschen über Generationen vertuscht zu haben und nicht genug über Pädophilie in den eigenen Reihen unternommen zu haben. Seit 1944 sollen so mehr als 13.000 Mitglieder der US-Pfadfinder nach Angaben des Opferanwalts Jeff Anderson Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sein.

Die Pfadfinder-Zentrale wusste seit Jahrzehnten, welche Betreuer Kinder missbraucht hatten

Besonders beklemmend: Viele dieser Fälle sind in intern „Perversions-Akten“ genannten Dokumenten der US-Pfadfinder verzeichnet sein. Mehr als 7.800 mutmaßliche Täter sollen darin aufgeführt werden. Nach Berichten von US-Medien waren darunter auch mehr als tausend Betreuer, die zwischen 1965 und 1985 wegen Missbrauchsvorwürfen ausgeschlossen wurden – aber nicht angezeigt. Der Opfer-Anwalt Tim Kosnoff bezeichnete die US-Pfadfinder deshalb sogar als „größten Kinderschänder-Ring der Welt“.

Unter den dort verzeichneten Personen sollen auch Polizisten, Lehrer, Militärangehörige und sogar ein Bürgermeister und ein Kinderpsychologe gewesen sein. Nach Angaben des Anwalts Kelly Clark haben sich die US-Pfadfinder ursprünglich gegen eine Freigabe dieser Akten gewehrt.

Nun geben sich die Boy Scouts of America reumütig

Die Organisation selbst hat sich mittlerweile dafür entschuldigt. Man sorge sich „sehr um alle Opfer von Missbrauch und entschuldigt sich aufrichtig bei allen, denen während ihrer Zeit bei den Pfadfindern Schaden zugefügt wurde“, so Roger Mosby, Geschäftsführer des US-Pfadfinderverbandes. Die Opfer sollen ermutigt werden, sich zu melden.

Durch den Konkurs sollen diese Fälle nicht getrennt, sondern gemeinsam vor einem einzelnen Gericht verhandelt werden. Das würde einen möglichen Vergleich erleichtern. Außerdem will die Organisation eigenen Angaben zufolge so sicherstellen, dass ein Entschädigungsfonds für die Opfer „angemessen entschädigen“ kann und nicht das ganze Geld für Prozesskosten verwendet werden muss.

Eine der größten gemeinnützigen Organisationen der USA

Entsprechende Dokumente wurden im US-Bundesstaat Delaware eingereicht. Demnach gebe es Ansprüche in der Höhe von bis zu einer Milliarde Dollar. Dem gegenüber stünden Vermögen und Eigentum im Wert von rund zehn Milliarden Dollar.

Die Boy Scouts of America sind mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern heute eine der größten gemeinnützigen Organisationen der USA. Auf die Veranstaltungen der Pfadfinder, darunter auch Zeltlager und Wanderungen, soll sich die Insolvenz nicht auswirken.