Samstag, 15. Juni 2024
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Mahnmal für homosexuelle NS-Opfer im Resselpark eingeweiht

Nach vielfältigen Problemen wurde heute am Resselpark das von Sarah Denkmal für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus seiner Bestimmung übergeben - das glückliche Ende einer sich in die Länge gezogenen Posse.

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Es war ein feierlicher Moment: Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr von den Neos und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler von der SPÖ haben heute am Karlsplatz das „Denkmal für Männer und Frauen, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden“ ihrer Bestimmung übergeben.

Ein Schatten des LGBTI-Symbols als Zeichen der Trauer und des Gedenkens

Das Denkmal trägt den Namen „ARCUS (Schatten eines Regenbogens)“ und formt den imaginären Schatten eines Regenbogens auf einem schwaneneiförmigen Grund. Dem internationalen Symbol der LGBTI-Bewegung wurde in dem Entwurf von Sarah Ortmeyer und Karl Kolbitz die Farbe genommen. 

Damit rücke das Moment der Trauer und des Gedenkens in den Vordergrund, wie es heißt. Außerdem werfe das Objekt – im Gegensatz zu einem echten Regenbogen – einen Schatten. Genauso unfassbar sei auch das Geschehene, also die Ermordung von Menschen, so die Künstler:innen.

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Das Ende eines mehr als 15 Jahre dauernden Kampfes

Ortmeyer und Kolbitz haben 2021 mit ihrem Entwurf einen Wettbewerb der Stadt Wien um das Denkmal gewonnen – damit nimmt eine mehr als fünfzehn Jahre dauernde Posse ihr glückliches Ende. So sollte das Denkmal zunächst am Morzinplatz stehen, wo sich im ehemaligen Hotel Metropol das Gestapo-Hauptquartier befunden hatte. 

Im Jahr 2006 gab es zum ersten Mal einen Wettbewerb, dessen Siegerentwurf des renommierten Künstlers Hans Kupelwieser – ein Becken mit pinkem Wasser und dem Wort „Queer“ – sich letztlich als technisch nicht umsetzbar erwies.

Schwer vermittelbar waren die temporären Kunstwerke

In den Jahren 2010 bis 2015 hat die Initiative „Kunst im Öffentlichen Raum“ (KÖR) jährliche temporäre Mahnmale installiert, die nicht immer leicht vermittelbar waren. So gab es zu Beginn das Kunstwerk „Mahnwache“ von Ines Doujak zu sehen: Drei Monate lang hielten Personen eine Mahnwache am Morzinplatz, dabei trugen sie Tafeln mit Collagen, deren Basis Photos von kotzenden und schreienden Personen waren, die aus dem Ohr bluten.

Im Jahr 2015 sorgte „raising the bar“ von Simone Zaugg für fragende Gesichter und Unverständnis. Die Installation beim Marktamt am Naschmarkt war „ein labyrinthisches Geländersystem, das ansteigt bzw. abfällt, je nachdem von welcher Seite man es betrachtet“, so Martina Taig von KÖR. Die Stahlrohre grenzten direkt an das bestehende Metallgeländer, bei dem die Flohmarkt-Standler am Samstag auf ihre Platzkarten warten.

Der erste Wettbewerb für das Mahnmal im Resselpark musste wiederholt werden

Im Juni 2019 wurde schließlich bekanntgegeben, dass das Mahnmal im Resselpark bei der Karlskirche stehen sollte. Ein neuer Wettbewerb wurde ausgeschrieben, aus diesem ging im Juni 2020 der britische Künstler Marc Quinn als Sieger hervor. 

Sein Entwurf zeigte zwei zärtlich aufeinander liegende Hände. Allerdings zog Quinn seinen Entwurf nach gut einem Jahr ohne konkrete Vorarbeiten wieder zurück, weshalb schließlich ein neuer Wettbewerb ausgelobt werden musste, dessen Gewinner ab sofort ein Stück queerer Erinnerungskultur in Wien ist.

Ein überfälliges Denkmal für eine Opfergruppe, die zu lange ignoriert wurde

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland im März 1938 erhöhte sich die Anzahl der als Homosexuelle verfolgten Männer und Frauen dramatisch, die Strafmaße stiegen deutlich. Von einer bunten Wiener Community blieben nur mehr vereinzelte und verfolgte Individuen, die einem noch nie dagewesenen Verfolgungsapparat ausgeliefert waren.

Die nationalsozialistischen Behörden kriminalisierten die Beschuldigten und brachten sie ins Gefängnis, die Nervenklinik, den Operationssaal oder in Konzentrationslager. Allein aus Wien wurden mehr als hundert Männer in Konzentrationslager deportiert, weniger als ein Drittel der Verfolgten überlebte.

Nach der Befreiung Österreichs wurde niemand von ihnen als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. „Erst 2005, als wohl niemand der verfolgten Männer und Frauen mehr lebte, wurden sie in das Opferfürsorgegesetz aufgenommen“, so Hannes Sulzenbacher, Co-Leiter des Zentrums QWIEN-Zentrum für queere Geschichte und Jury-Vorsitzender.