‚profil‘-Chefredakteur Lackner: Lascher Umgang mit schwulen Fakten?

Eine Nachhilfestunde in schwuler Geschichtsschreibung bekommt „profil“-Chefredakteur Herbert Lackner von den beiden QWIEN-Machern Andreas Sulzenbacher und Andreas Brunner. Thema ist die sexuelle Orientierung des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Theodor Körner.

Gute Pointe statt klarer Fakten?

Grund für den ausführlichen Briefwechsel zwischen Lackner und dem „Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte“ ist der Leitartikel zu Oberst Alfred Redl, dem heimlich schwulen Spion in den Reihen der kaiserlich-königlichen Armee. Dort ist sich Lackner sicher, dass mit Körner ein aufrechter Hetero von der Schwulenbewegung „zwangsadoptiert“ wurde.

Lackner schreibt, in den 1980er-Jahren entdeckte „die neue Schwulen- und Lesbenbewegung“ den verstorbenen Bundespräsidenten: „Wie Oscar Wilde, Gordon Lord Byron, Jean Cocteau und Marlene Dietrich wird der ehemalige Bundespräsident zu einem prominenten Aushängeschild. 2005 prangt sein Konterfei sogar in einer entsprechenden Ausstellung“.

Dem widerspricht QWIEN – „da diese Darstellung nicht den Tatsachen entspricht und auch die Pointe Lackners in seiner Verteidigungsrede für Körner einfach falsch ist“.

Es geht nicht um die sexuelle Orientierung Körners, sondern um den Umgang der Medien damit

Denn bei der Ausstellung „Geheimsache Leben“, die 2005 in Wien zu sehen war, ging es nicht darum, Körner post mortem zu outen. „Wir zeigten vielmehr Bilder des Trauerkondukts nach Körners Ableben 1957 aus dem Magazin ‚Wiener Bildwoche‘“, so Sulzenbacher und Brunner. Es ging den Ausstellungsmachern „darum, wie er in den Medien dargestellt wurde, gerade in den 1950er Jahren, als die Verfolgungsintensität von Homosexuellen in Österreich nach einer kurzen Delle in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahlenmäßig wieder Naziniveau erreichte.“

Und die Medien formulierten dabei schon recht gewagt. Denn die „Wiener Bildwoche“ untertitelte ein Bild der trauernden Familie mit den Worten: „Unmittelbar hinter dem Sargwagen folgt ein kleine Trauergruppe: die Anverwandten Theodor Körners und unter ihnen, als zur Familie zählend, Körner treuer Kriegskamerad und Chauffeur Robert Semrad“. Eine Formulierung, die mehr Platz für Spekulationen offen ließ als es die Ausstellung fünfzig Jahre später tat. „Diese Doppelmoral war Thema, mit wem Körner ins Bett ging, ist mir komplett wurscht“, so Brunner weiter.

Lackner weiter unbeirrt

Dass Lackner den Ausstellungsmachern trotzdem „Hetero-Kidnapping“ unterstellt, empört diese: „Wir hatten in dieser Ausstellung 700 Objekte aus ganz Europa und den USA und hatten es wirklich nicht notwendig Heterosexuelle einzugemeinden. Sie sind auf dem Stand der Schwulenbewegung der 1980er Jahre stehen geblieben, als es wirklich noch notwendig war, Vorbilder zu finden. Glauben Sie wirklich, dass wir das 2005 notwendig hatten?“, antwortet Andreas Brunner.

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