Rios Bürgermeister will schwulen Kuss zensieren – und landet ein Eigentor

Auf einmal war der Kuss auf dem Titelblatt der wichtigsten Zeitung Brasiliens

Titelblatt
Folha de S Paulo

Es war ein klassisches Eigentor, dass der homophobe Bürgermeister der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro geschossen hat: Eigentlich wollte Marcelo Crivella, ein ehemaliger evangelikaler „Bischof“ verhindern, dass Kinder und Jugendliche von einem schwulen Kuss verdorben werden, der in einem Marvel-Comic zu sehen ist – daraufhin druckte die größte Zeitung des Landes das Bild der beiden küssenden Superhelden auf der Titelseite.

Ein Kuss der jugendlichen Superhelden gefährde die Jugend, ist Bürgermeister Crivella überzeugt

Crivella, der vor seiner politischen Karriere als christlicher Schlagersänger Karriere gemacht hat, empörte sich an einem Marvel-Comic mit dem Titel „Young Avengers: the Children’s Crusade“, das auf einer Buchmesse in Rio de Janeiro zu finden war. Denn dort küssen sich die Superhelden Wiccan und Hulkling. Und auch, wenn sie dabei voll bekleidet sind, gefährde das Comicbuch dem Bürgermeister zufolge wegen seines „sexuellen Inhalts“ Minderjährige. Er wollte den Comic-Sammelband und andere queere Bücher beschlagnahmen lassen.

Doch dann begann ein Streit der Gerichte: Zunächst stoppte ein Gericht die Beschlagnahmung mit einer einstweiliger Verfügung. Dann genehmigte ein anderes Gericht die Beschlagnahmung doch. Bücher mit homosexuellen Themen würden demnach gegen Kinderschutzgesetze verstoßen und dürften nur eingeschweißt ausgelegt werden.

Der Oberste Gerichtshof hob die Zensur des Buches auf – und auch die größte Zeitung Brasiliens zeigt ihre Solidarität

Doch am Sonntag kassierte Brasiliens oberster Gerichtshof das umstrittene Urteil wieder ein. Das Verbot widerspreche dem Gleichheitsgebot in der brasilianischen Verfassung, weil es ausschließlich auf Schwule und Lesben abziele, so die Richter.

Und das war nicht der einzige Tiefschlag, den der homophobe Bürgermeister von Rio in dieser Sache einstecken musste: Wie die Organisatoren der Buchmesse mitteilten, war der Marvel-Comickurz nach der Forderung von Crivella, das Buch zu verbieten, ausverkauft. Außerdem druckte die größte Zeitung Brasiliens, Folha de S. Paulo, das Bild der küssenden Superhelden am Samstag auf die Titelseite ihrer Print-Ausgabe.

Ein bekannter YouTuber verschenkte 14.000 Bücher mit LGBT-Inhalten, verpackt in eine provokante Botschaft

Der brasilianische Youtuber Felipe Neto, der mehr als 34 Millionen Follower hat, kaufte gleich 14.000 Bücher mit LGBT-Inhalten, um sie als Zeichen seines Protestes kostenlos auf der Messe verteilen zu lassen. Die Bücher ließ er in schwarze Folie verpacken und mit dem Aufkleber „Unangemessen für rückwärtsgewandte und vorurteilsbeladene Personen“ versehen.

Für die LGBT-Community in Brasilien sind diese Zeichen wichtige Hoffnungsschimmer. Denn die Regierung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro versucht systematisch, die Rechte von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten einzuschränken. So wurde zuletzt die staatliche Unterstützung für TV-Projekte ausgesetzt, weil diese auch queere Inhalte fördert. Seit dem Amtsantritt des 64-Jährigen gibt es auch mehr Gewalt gegen LGBT-Personen.