Wien: Corona-Gegner zerreißen unter großem Jubel Regenbogenflagge

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Screenshot: Presse Service Wien/Twitter

Bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen ist es am Samstag am Wiener Karlsplatz zu einem gravierenden homophoben Zwischenfall gekommen: Auf offener Bühne wurde eine Regenbogenfahne zerrissen, die als Symbol für Pädophilie bezeichnet wurde. Politik und Community sind empört. Heute, Montag, ist als Reaktion auf die Vorfälle eine überparteiliche Kundgebung gegen homophoben Hass geplant. 

„Ihr seid kein Teil unserer Gesellschaft“, schrie Jennifer Klauninger unter dem Jubel der Teilnehmer

Es war eine Veranstaltung von Corona-Gegnern, wie sie derzeit oft in den Städten zu sehen sind: Zunächst erkläre Jennifer Klauninger auf der Bühne langatmig, wie wichtig doch Liebe sei. Doch bei einer Regenbogenflagge mit regenbogenfarbigen Herzen, die einer der Demo-Teilnehmer schwenkte, war dann offenbar Schluss mit der allumfassenden Liebe. 

Mit den Worten „Ihr seid kein Teil unserer Gesellschaft. Wir müssen unsere Kinder gegen Kinderschänder schützen. Wir alle sind dafür verantwortlich“ zerriss sie das Symbol der LGBTI-Bewegung demonstrativ auf offener Bühne. Die Menge johlte und jubelte währenddessen. 

Unter den etwa 1000 Teilnehmern waren auch einige Rechtsextreme

Zu der Kundgebung vor der Karlskirche, die von der Plattform „Querdenker“ organisiert wurde, kamen etwa 1000 Menschen. Darunter dürften auch einige Rechtsextreme gewesen sein. Medienberichten zufolge war die deutsche Reichsflagge im Publikum zu sehen. Auch Parolen wie „Heimatschutz statt Mundschutz“ waren zu lesen. 

Am Sonntag rechtfertigten einige Demo-Teilnehmer den Vorfall damit, dass der Vorfall mit „Homosexuellen überhaupt nichts zu tun hatte“. Vielmehr sei es um die Darstellung der „Herzen im Herzen“ gegangen, die ein „Pädophilensymbol“ seien. „Diese Aktion mit der Fahne diente rein dazu, auf diese versteckte Symbolik aufmerksam zu machen.“ 

„Wichtig war uns, diese Pädofahne von der Bühne zu bringen“

Die Fahne sei auf die Bühne gebracht worden, man habe “geistesgegenwärtig” reagiert, erklärte etwa der unter Verschwörungstheoretikern gut vernetzte Manuel M., der bei der Aktion ebenfalls auf der Bühne war: “Wichtig war uns nur, diese Pädofahne, diese Kinderschänderfahne von der Bühne zu bringen.”  

Einzig: Die zerrissene Regenbogenflagge zeigte gar nicht das mutmaßliche Kinderschänder-Symbol, sondern einfach größer werdende Herzen in den Farben der Flagge. Diese Version ist zwar nicht besonders üblich, aber bei vielen Händlern im Internet erhältlich. 

HOSI Wien verurteilt das Zerreissen der Flagge – und den damit verbundenen Jubel

De HOSI Wien will diese Rechtfertigung deshalb nicht gelten lassen, da die Farben in dieser Form eindeutig der queeren Community zuordenbar sind. „Die Gleichsetzung der LGBTIQ-Bewegung mit Pädophilie ist eine alte und haltlose Unterstellung unserer politischen Gegnerinnen und Gegner. LGBTIQ-Menschen, sind genauso viel oder wenig pädophil wie heterosexuelle Menschen auch“, macht Obfrau Ann-Sophie Otte klar. 

Außerdem sei auffällig gewesen, wie viele der Zuschauerinnen und Zuschauer nach der Aktion applaudiert hätten, „die werden wohl eher die Regenbogenfahne gesehen haben, als das vermeintliche Symbol für Pädophilie“, so Otte gegenüber dem ORF Wien

Kraus: „Meinungsfreiheit darf nicht für Hetze missbraucht werden“

Grünen-Gemeinderat Peter Kraus verurteilte den homophoben Aufruf und kündigte rechtliche Schritte an. „Meinungsfreiheit darf nicht für Hetze missbraucht werden. Hier muss sich eine offene Demokratie wehren. Ich werde eine Sachverhaltsdarstellung einbringen“, so Kraus auf Twitter. 

Die SPÖ verurteilte die Aktion ebenfalls. „Ihr seid Teil unserer Gesellschaft – egal wen ihr liebt! Was kein Teil unserer Gesellschaft ist, sind Hass und Hetze! Meine Solidarität gilt der gesamten LGBTIQ-Community. Ich verurteile jeden Angriff auf sie aufs Schärfste“, schrieb Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky ebenfalls auf Twitter. 

Auch ÖVP-Abgeordneter Marchetti verurteilt die Aktion

Auch NEOS-Nationalratsabgeordnete Henrike Brandstötter reagierte über die Kurznachrichten-Plattform.: „Es tut mir sehr leid für diese Frau, dass sie so hasserfüllt ist, so wenig Ahnung hat, wovon sie spricht und anscheinend voller Ängste ist. Das kann kein erfülltes Leben sein.“ 

“Ich verurteile diese Aktion aufs Schärfste und bin stolz darauf, dass in Österreich weder irgendwelche Extremisten noch die sexuelle Orientierung darüber entscheidet, ob man Teil unserer Gesellschaft ist”, positioniert sich auch der offen schwule ÖVP-Nationalratsabgeordnete Nico Marchetti auf Facebook gegen das Zerreißen der Flagge. 

Gegen „namentlich bekannte Personen“ wurde Anzeige wegen Verhetzung eingeleitet

Die Polizei hat mittlerweile bestätigt, über den Vorfall Kenntnis zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits wegen des Verdachts auf Verhetzung gegen „namentlich bekannte Personen“, heißt es. Doch sollte sie zu dem Schluss kommen, dass das Zerreißen der Regenbogenflagge nicht weiter verfolgt werden soll, kann sich die Community dagegen nicht wehren. 

„Die Opfer haben in diesem Verfahren keine Rolle und keine Rechte – keine Akteneinsicht, keine Antragsbefugnis, kein Recht auf Begründung einer Einstellung. Auch nicht in Form von LGBTIQ-NGOs. (…) Stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, so kann niemand diese Entscheidung durch ein unabhängiges Gericht überprüfen lassen. (…) Die Staatsanwaltschaft muss Anzeiger nicht einmal von der Einstellung verständigen”, erklärt Helmut Graupner, Präsident des Rechtskomitee Lambda, auf Facebook.  

„Dem Hass keinen Platz“: Heute wird in Wien corona-sicher demonstriert

Als deutliches Zeichen gegen den Hass, der auf der Anti-Corona-Demo gegen sexuelle Minderheiten verbreitet wurde, rufen HOSI Wien, Vienna Pride, zahlreiche andere Organisationen und die Grüne LGBTIQ-Sprecherin Ewa Ernst-Dziedzic heute, Montag, zu einer überparteilichen Kundgebung unter dem Motto “Dem Hass keinen Platz” auf. Diese findet – unter Einhaltung aller Corona-Sicherheitsmaßnahmen, von 19.00 bis 21.00 Uhr auf dem Platz der Menschenrechte beim Museumsquartier statt. 

“Das Zerreißen einer Regenbogenfahne als klares Symbol dieser Community ist inakzeptabel. Ich glaube nicht, dass hier etwas verwechselt wurde, denn Homo- und Transphobie sind feste Bestandteile der rechtsextremen Szene, die auf der Covid-Demo der sogenannten Querdenker stark vertreten war”, so Ernst-Dziedzic.