Warum ich im Supermarkt keine Schokoriegel mehr kaufe

Berlin-Kreuzberg. Hier, am Ufer der Spree, schlägt das Herz der Stadt wohl am lautesten. Geschäftiges Treiben am nahen U-Bahnhof Schlesisches Tor, wo sich die Party-Community ohne Pause 24 Stunden am Tag trifft. Daneben unzählige Imbiss-Stände: Döner, Falafel, Burger, Plunder, Pommes, Currywurst. Viel und billig, so wie es die Stadt offenbar an jeder Ecke verlangt.

Doch nur wenige hundert Meter weiter, in der Küche des FluxBau, ist von dem Trubel nichts zu spüren. Kein lauter Lärm der Straße, keine eindringlichen Fast-Food-Gerüche. Stattdessen schleicht sich samtiger Karamell in die Nase, es riecht nach Schokolade, und es ist geschäftig, aber angenehm ruhig. Von den Fenstern im Tiefparterre könnte man die Spree sehen.

Ein Küchen-Start-Up auf dem Weg nach oben

Es ist das Herzstück von „Retos Candy Farm“. Hier arbeiten Reto Brunner und Ulrike Jung an ihren neuen Kollektionen. Und es sind keine kreativen Torten oder exklusiven Pralinen, die die beiden hier mit Leidenschaft zubereiten. Es sind Schokoriegel. Doch mit jenen Geschwistern, die es für wenige Cent an den Supermarktkassen gibt, haben diese Candybars nichts zu tun. Denn bei Reto und Ulrike ist alles handgemacht, wenn es geht bio, teilweise auch vegan. Sie gehen keinen Kompromiss ein, wenn es um die Qualität geht. „Unsere getrockneten Äpfel kaufen wir noch immer im Bioladen, in der kleinen Tüte, weil wir sonst nichts gefunden haben, was unseren Ansprüchen entspricht“, erzählt Ulrike.

Und das schmeckt man: Ihre Fruchtschnitten sind kein zähe Masse zwischen zwei dünnen Oblaten, sondern eine Geschmacksexplosion aus Trockenfrüchten. Wer einmal ihren Erdnussbutter-Riegel gegessen hat, braucht keine Reeses Butter Cups mehr. Und jedes Bounty wirkt neben ihrem saftigen Kokos-Riegel mit Ananas-Stückchen wie ein profanes Stück Dämm-Material.

Außergewöhnliche Geschmacks-Kombinationen

Doch das Herzstück sind ihre eigenen Kreationen: Ricotta-Feige-Balsamico im Riegel „Figaro“ überzeugt durch das Zusammenspiel von Süße und Säure, bei ihrem Passionsfrucht-Chilli-Riegel löst die deutliche Schärfe die zarte Säure im richtigen Moment ab, und den Espresso für ihre Kaffee-Riegel reduzieren sie selbst ein. Auch im Angebot: Ein veganer Chai-Riegel für die Freunde des beliebten Gewürztees.

Schokoriegel von Retos Candyfarm
premiumPIX

„Man kann sich den Riegel in der Mitte durchschneiden und dann zu zweit zum Kaffee genießen“, empfiehlt Reto. Ein kleiner Schokoriegel für zwei? Was bei Supermarkt-Ware seltsam klingt, macht hier Sinn: Denn diese Riegel sind nichts für zwischendurch, sondern für jenen besonderen Genuss-Moment, den die Industrie oft wenig glaubhaft beschwört.

Bis es soweit war, mussten die beiden aber einen langen Weg gehen. „Wir haben mehr als ein Jahr experimentiert, bevor wir auf den Markt gegangen sind“, erzählt Reto weiter. Zu zweit haben sie zunächst verschiedene Rezepte in der heimischen Küche probiert, bis sie den Sprung nach außen gewagt haben. Welche Schokolade, welche Erdnussbutter, welcher Ahorn-Sirup – all das waren bewusste und langwierige Entscheidungen, die nach teils langen Diskussionen gefällt wurden – immer zugunsten der Qualität. Das Karamell für die Füllungen der Riegel wird ebenfalls selbst eingekocht.

Qualität, die man schmeckt

Das Resultat sind Riegel mit der Liebe zum Detail: Sie sind weniger süß und haben einen intensiveren Geschmack, weil keine Massen an Zucker hier  mangelnden Qualität der Rohstoffe überdecken müssen. Auch die Verpackungen hat Reto, ein gelernter Grafik-Designer, selbst entworfen. Die Hüllen erinnern an die Tapetenmuster der 70er-Jahre, die Riegel selbst sind in Butterbrotpapier eingepackt.

Exklusive Schokoriegel – ein Konzept, das wie gemacht ist für Berlin: Jene Stadt, in der Ernährungstrends auf fruchtbaren Boden fallen. Ob glutenfreie Paleo-Ernährung, laktosefreie Bio-Kost für Vegetarier oder ein veganes Low-Carb-Restaurant – ein Trend jagt in Berlin den nächsten. Und so erregten auch die Riegel von Retos Candy Farm schnell Aufsehen. Bald wurde die heimische Küche zu klein. Auf der Suche nach einer Produktionsstätte wurden Reto und Ulrike im FluxBau fündig: Der Club verfügt über eine kleine Profi-Küche, die eigentlich nicht gebraucht wird. Ideal also für die beiden Schokoladenliebhaber, sich dort mittlerweile fünf Tage die Woche einzunisten, um neue Riegel zu produzieren.

Mittlerweile gibt es die Riegel einmal pro Woche in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg sowie per E-Mail zu kaufen. In Wien sind sie bis Samstag noch bei „Pop into Berlin“ erhältlich – Verkostung inklusive. Und die Suche nach einem Geschäft in Wien, das die kleinen Kostbarkeiten ins Sortiment nimmt, läuft auf Hochtouren. Damit sich auch die Wiener regelmäßig die kleine hochwertige Sünde leisten können.

Links zum Thema