Missbrauch vertuscht: Erzbischof von Lyon wird nicht angeklagt

Wollte der hochrangige Geistliche einen pädophilen Priester schützen?

Philippe Barbarin
Erzbistum Lyon

Die französische Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Philippe Barbarin, Kardinal von Lyon, eingestellt. Dem ranghöchsten Geistlichen Frankreichs wurde vorgeworfen, sexuellen Missbrauch durch einen Priester vertuscht zu haben. Allerdings gab es nach Einschätzung der Behörde keine Hinweise auf mögliche Straftaten.

Priester missbrauchte 16-Jährigen, Bischof sagte es nicht der Polizei

Barbarin, einem der größten Kritiker der Ehe-Öffnung, war vorgeworfen worden, einen Priester nicht suspendiert zu haben, der einen damals 16-Jährigen sexuell missbraucht haben soll. Geklagt hatte das Opfer, heute ein ranghoher Ministerialbeamter. Er wirft Pfarrer Jerome Billioud vor, im Jahr 1990 bei einer Ferienfreizeit in Biarritz auf ihn masturbiert zu haben.

Das heute 42-jährige Opfer konnte eigenen Angaben zufolge lange nicht darüber sprechen, weil er durch den Vorfall traumatisiert war. Als er sich im Jahr 2009 schließlich an die französische Justiz wandte, war der Missbrauch bereits verjährt.

Doch im persönlichen Gespräch soll Barbarin dem Opfer gegenüber eingeräumt haben, genau über den Fall Bescheid gewusst zu haben. Suspendiert wurde der Geistliche erst im August 2015. Weil der Kardinal den Priester trotz seines Wissens nicht angezeigt hatte, zeigte ihn das Opfer gemeinsam mit drei weiteren Personen Mitte Februar an.

Erzbischof wurde zehn Stunden lang verhört

Eine Voruntersuchung gegen Philippe Barbarin wegen Nichtanzeige eines Verbrechens wurde eingeleitet. Sein Bischofssitz wurde durchsucht, im Juni wurde der hohe Geistliche zehn Stunden lang in Lyon verhört. Der Erzbischof betonte immer wieder, mit der Justiz kooperieren zu wollen. Er habe nicht gewusst, dass der Priester rückfällig geworden sei, rechtfertigte er sich.

Im April erklärte der Erzbischof, es habe Fehler bei der Ernennung einiger Priester gegeben, und entschuldigte sich bei den Opfern. Ende Mai empfing Papst Franziskus Barbarin zu einer Unterredung im Vatikan. Dieser hatte das weitere Schicksal des Kardinals von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abhängig gemacht. Nun wurde der Kardinal von allen Vorwürfen entlastet.

Der Anwalt Barbarins, Andre Soulier, begrüßte die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen einzustellen. Es gehe nun nicht darum, zu triumphieren, sondern allein um die Feststellung, dass Barbarin und seine Mitarbeiter keine Fehler gemacht hätten, betonte der Anwalt. Der Kardinal sei in Gedanken stets bei den Opfern, so Soulier weiter.