Grüner Ministerpräsident Kretschmann: Deutliches Ja zur Hetero-Ehe

Begeisterung für die Aussagen hält sich in der eigenen Partei in engen Grenzen

Winfried Kretschmann
Grüne Baden-Württemberg

Für Irritationen sorgt ein Gastbeitrag von Winfried Kretschmann, Grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg, in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“. Darin lobt er die klassische heterosexuelle Ehe. Nachdem diese Aussagen kritisiert wurden, teilte der Ministerpräsident mit, er fühle sich missverstanden.

„Klassische Ehe ist bevorzugte Lebensform der Menschen“

Die „klassische Ehe“ sei die „bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so“, erklärt Kretschmann in einem vorab veröffentlichten Teil des Kommentars für die Hamburger Wochenzeitung. Indirekt ruft der Ministerpräsident von Baden-Württemberg seine Partei dazu auf, weniger Politik für Lesben und Schwule zu machen und sich verstärkt um Heterosexuelle zu kümmern.

Denn ob diese Ehe auch – wie seit Jahren von den Grünen gefordert – auch für Lesben und Schwule geöffnet werden soll, lässt Kretschmann offen. Stattdessen möchte er den Menschen deutlich machen, „dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind“ – denn die Modernisierung der Gesellschaft löse bei vielen Bürgern „das Gefühl der Überforderung zum Gefühl des Kontrollverlusts aus“.

Eigene Partei versucht unwillig, die Äußerungen herunterzuspielen

Das sorgte nicht nur innerhalb der eigenen Partei für Unmut. „Wenn Winfried Recht hat, ist es umso drängender, endlich allen Menschen die Möglichkeit zur Eheschließung zu eröffnen”, versucht Kai Klose, Chef der Hessischen Grünen, gegenüber der Online-Ausgabe des Magazins „Männer“ die Aussage zu relativieren.

Etwas indignierter ist da schon die Stellungnahme von Claudia Roth zu Kretschmanns Aussagen. „Winfried Kretschmann hat für sich als bevorzugte Lebensform die Ehe ausgemacht. Ich nicht. Dass das bei uns jede und jeder für sich ganz persönlich entscheiden kann, das ist wirklich gut so!“, sagte sie dem im Bruno Gmünder Verlag erscheinenden Magazin.

Ministerpräsident fühlt sich missverstanden

Und das größte deutschsprachige Online-Magazin queer.de titelte sogar: „Kretschmann fordert mehr Politik für Heteros“. Das bewegte die Staatskanzlei in Stuttgart, die Aussagen ihres Chefs etwas genauer auszuführen. „Aus dem Text geht eine solche Schlussfolgerung wie in Ihrem Artikel nicht hervor und ist auch nicht beabsichtigt“, lässt das Büro des Ministerpräsidenten den queeren Journalisten ausrichten.

Die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, heißt es weiter. Nun ist der gesamte Text online. Und der bringt nicht viel mehr Klarheit in die Causa. So leitet Winfried Kretschmann das Zitat, das für Aufregung gesorgt hat, mit einem nicht minder diskussionswürdigen Satz ein: Es ginge nicht darum, „traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben“, so der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Auch meint er in dem Artikel für die „Zeit“, es gebe in Deutschland eine „tendenziell übersteigerte politische Korrektheit“ – und ruft stattdessen auf, eine „neue Tonlage“ zu finden, die von „Klarheit und Respekt“ getragen werde.

Seiner eigenen Partei richtet Winfried Kretschmann unterdessen über die „Zeit“ aus: „Wir sind keine Heiligen und werden es auch nicht. (…) Wir sollten das Moralisieren lassen.“ Kretschmann ist unter anderem Mitglied im römisch-katholischen Diözesanrat der Erzdiözese Freiburg, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und im Kuratorium der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart.