Berlin: LGBT-Flüchtlinge von Gewalt bedroht

Alarmierend sind die Zahlen des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Berlin-Brandenburg, wenn es um schwule, lesbische, bisexuelle und transgender Flüchtlinge geht: Von August bis Dezember wandten sich 95 homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge wegen Gewaltvorfällen an den LSVD.

Die Flüchtlinge können sich in diesen Fällen an das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) des LSVD Berlin-Brandenburg wenden. Im letzten Jahr wurden dort 1453 Beratungen queerer Flüchtlinge durchgeführt. Und immer wieder erzählen die Betroffenen, dass ihnen in Deutschland wegen ihrer sexuellen Identität Gewalt angetan wurde.

Besonders oft betroffen: Junge schwule Männer

Demnach waren 72 Mal schwule Männer von verbaler oder körperlicher Gewalt betroffen, 16 Mal Transgender und sieben Mal lesbische Frauen. Fast alle Opfer waren jünger als 30 Jahre. Der LSVD verzeichnete dabei 53 Fälle von Beleidigungen oder Nötigung, 29 Fälle von körperlicher Gewalt und 13 Fälle von sexuellen Übergriffen. Insgesamt 53 Mal kam es zu Beleidigungen, Nötigungen oder Bedrohungen. Die meisten Taten wurden nicht bei der Polizei angezeigt. Tatort war oft die Flüchtlingsunterkunft, in der die Opfer untergebracht waren.

Übersetzer weigern sich, korrekt zu übersetzen

Doch nicht nur dort haben LGBT-Flüchtlinge einen schweren Stand: Seit April 2015 verzeichnete der LSVD Berlin-Brandenburg 19 Mal bei Ämterbegleitungen Beleidigungen durch Sicherheitspersonal und Dolmetscher. Diese sind oft nicht auf das Thema Homo- und Bisexualität sensibilisiert und lassen unter Umständen ihre Wertvorstellungen an den Flüchtlingen aus.

So berichtet ein Ägypter, dass ihm sein vom Amt gestellter Übersetzer dort erklärte: „Schwul? Das will ich nicht übersetzen. Du hast hier sowieso keine Rechte.“ Da die Beamtin selbst weder Arabisch noch Englisch konnte, war der Flüchtling auf den Übersetzer angewiesen. Auf die Frage nach der Religionszugehörigkeit gab der Flüchtling „keine Religion“ an. Übersetzt wurde allerdings „sunnitischer Muslim“, mit der Begründung: „Hör einmal, wir müssen hier doch alle zusammenhalten!“

Die Probleme mit Übersetzern sind übrigens nicht neu: Aktivisten weisen schon seit Jahren darauf hin, unter anderem bei Flüchtlingen aus Russland.

Integrationsbeauftragter nicht zuständig

Eine Verbesserung der Situation dürfte nicht so schnell in Sicht sein: Wie der neue Integrationsbeauftragte für Berlin, Andreas Germershausen, bei einem Gespräch mit dem LSVD erklärte, habe er „weder Personal noch Finanzen“, um sich dieses Themas anzunehmen. Außerdem erklärte er den Aktivisten, für die Anliegen von LGBT-Flüchtlingen nicht zuständig zu sein.