Samstag, 15. Juni 2024
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Junger Tunesier zeigt Vergewaltigung an – und landet selbst hinter Gittern

Weil Homosexualität verboten ist, interessierten sich die Behörden für das Opfer mehr als für die Täter

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In Tunesien ist ein schwuler Mann gestern zu insgesamt acht Monaten Haft verurteilt worden – nachdem er sich selbst bei der Polizei als Opfer einer Vergewaltigung gemeldet hatte. Das berichtet die tunesische LGBT-Organisation „Shams“.

Ein Internet-Date nahm ein böses Ende

Die Tat ereignete sich im Jänner dieses Jahres: Demnach hat sich der 26-Jährige über das Internet mit einem anderen Mann zum Sex verabredet. Am Treffpunkt angekommen wurde er allerdings von zwei Männern ausgeraubt und vergewaltigt.

Doch als er diese Tat bei der Polizei anzeigen wollte, steckten ihn die Beamten in Untersuchungshaft und ließen ihn in ein Krankenhaus überführen, wo mit einem Analtest nicht die Vergewaltigung, sondern seine Homosexualität bewiesen werden sollte. Diese Tests sind nicht nur menschenrechtswidrig, sondern in Tunesien eigentlich auch seit einem Jahr verboten.

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In der Untersuchungshaft wurde der Mann angegriffen

Der Mann blieb schließlich mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Dort war er Medienberichten zufolge wegen seiner Homosexualität konstanten Beleidigungen und Angriffen durch andere Häftlinge ausgesetzt gewesen.

Letzte Woche stand der junge Tunesier schließlich in der südtunesischen Stadt Sfax vor Gericht.  Dieses verurteilte ihn schließlich wegen Homosexualität zu sechs Monaten und wegen falscher Angaben zu zwei Monaten Haft.

Der Richter glaubte nicht, dass der junge Schwule vergewaltigt wurde

Dem Gericht zufolge wurde der 26-Jährige nicht vergewaltigt, es handelte sich demnach nur um einen „Streit im Anschluß an die sexuelle Begegnung“. Dem widerspricht der Anwalt des jungen Mannes. Das Urteil aus erster Instanz ist noch nicht rechtskräftig.

Wie er der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ sagte, konnte die Polizei trotz Untersuchung des Smartphones des Angeklagten vor Gericht keine Beweise für dessen Homosexualität vorlegen. Auch der Anal-Test habe ein negatives Ergebnis geliefert.

Die Täter müssen gleich lang hinter Gitter wie das Opfer

Doch nicht nur das Opfer der Vergewaltigung musste ins Gefängnis, auch die beiden anderen Täter müssen hinter Gitter – praktisch gleich lang: Sie wurden zu  jeweils sechs Monaten wegen Homosexualität, 15 Tagen wegen Gewaltanwendung und anderthalb Monaten wegen Diebstahls verurteilt. Es wird berichtet, dass die Behörden bei der Suche nach den Tätern eher nicht engagiert vorgingen.

Homosexualität ist in Tunesien für Männer und Frauen illegal und kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.