SPÖ und Grüne fordern Aktionsplan gegen Homophobie im Bundesheer

Neueste Äußerungen des Bundesheer-Sprechers irritieren die Politiker

Sujetbild: Bundesheer
Sujetbild - Bundesheer - CC BY-NC-SA 2.0

Wie homophob ist das österreichische Bundesheer? Nach dem Auftauchen von Videos, bei denen Rekruten bei einer nicht genehmigten Feier in Güssing beim Feiern sexualisierte Handlungen zeigten, und den Reaktionen darauf ist die Debatte über dieses Thema erneut entflammt.

Sexualisierte Mutproben der Burschen für Heeres-Sprecher „das Widerlichste“, das er während seiner Dienstzeit sah

Es war Ende Jänner, als die Videos aufgetaucht waren: Zu sehen waren junge Burschen, die ausgelassen und offenbar angetrunken mit ihren Freundinnen in der Kaserne Güssing den Abschluss ihrer ersten Ausbildungsphase trotz eines strengen Verbots feierten – und dabei als „Mutproben“ auch sexualisierte Handlungen an sich selbst und anderen vornahmen.

Weil sie während des Corona-Lockdowns trotz eines Verbots feierten, wurde nach dem Auffliegen der Feier gegen alle Beteiligten ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Und auch die offizielle Reaktion des Bundesheeres ließ nicht lange auf sich warten: Die Videos seien „mehr als verstörend“ und „das Widerlichste, was ich in meiner 35-jährigen Dienstzeit beim Bundesheer sehen musste“, so Bundesheer-Sprecher Michael Bauer auf Twitter. 

Gegenüber dem Standard verteidigt Bauer seine Aussagen

Die sexualisierten Handlungen beim Feiern dürften für den Bundesheer-Sprecher verstörender als alle Schikanen bei Übungen oder die Folgen von Unfällen und Angriffen sein. Besonders tragisch: Wenige Tage, nachdem die illegale Feier öffentlich gemacht wurde, wurde einer der beteiligten Männer tot aufgefunden.

Den Vorwurf der Homophobie weist Bauer gegenüber dem Standard trotzdem entschieden zurück: Es sei ihm um den Kontext des Videos gegangen, dass „diese Handlungen“ in der Gruppe durchgeführt wurden. „Ich stehe nach wie vor dazu, dass das widerlich ist, das in einer Öffentlichkeit zu machen“, sagt er – nur: Das Geschehene passierte bei einer privaten Feier, nicht auf offener Straße.

Sprecher verneint Diskriminierung von Lesben und Schwulen im Heer – und verbindet Homosexualität mit Missbrauch

Strukturelle Diskriminierung gleichgeschlechtlich liebender Menschen gebe es im Bundesheer nicht, betont Bauer – um dann ein altes Klischee zu bedienen: „Es gibt schon Fälle, wo Menschen homosexuell sind und andere zu Handlungen zwingen. Dann wird es ein Thema“, so der Sprecher. Einen entsprechenden Fall habe es erst vor kurzem gegeben, der mutmaßliche Täter wurde suspendiert und angezeigt.

Das empört den Grünen Wehrsprecher David Stögmüller, einer von vier queeren Abgeordneten der Regierungspartei: „Sexuelle Belästigung, sexueller Missbrauch und Homophobie sind unterschiedliche Problemfelder, die alle gerade im Bundesheer brodeln, dazu sind in der letzten Zeit vermehrt Fälle an die Öffentlichkeit gedrungen. Dass Bauer diese Problemfelder verknüpft und mit seiner Aussage in der Tageszeitung Der Standard homosexuelle Menschen allgemein zu Tätern macht, ist nicht in Ordnung. Es zeigt, wie tief die Wurzel des Problems im Bundeministerium für Landesverteidigung liegt.“

SPÖ und Grüne kritisieren Bauer und fordern nun einen umfassenden Plan des Bundesheeres gegen Homophobie

Und auch Mario Lindner, Bundessprecher der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation SoHo, kritisiert den Sprecher des Bundesheeres: „Zu glauben, dass in unserer Gesellschaft oder auch nur in Teilen davon Homophobie im Jahr 2021 kein Problem mehr darstellt, geht klar an der Realität vorbei“, ärgert sich etwa Mario Lindner, Bundessprecher der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation SoHo: „Seien wir doch ehrlich: Seit meiner eigenen Zeit als Präsenzdiener hat sich nicht viel geändert – Rekruten verbergen auch heute noch häufig ihre sexuelle Orientierung, um Diskriminierungen und Stigma zu entgehen.“

Offen homosexuelle Offizier:innen seien zwar ein wichtiger Schritt, auf dem man aufbauen müsse, so Lindner – doch für ihn ist es klar, dass es einen umfassenden Plan gegen Homophobie im Bundesheer brauche – in den Strukturen wie in der Kommunikation nach außen. Dieser Meinung ist auch Stögmüller. Auch er glaubt, dass „das Bundesheer hier noch sehr weit hinten hängt“, wie er dem Standard sagt.

Er fordert „eine breite Strategie, um das Bundesheer endlich ins 21. Jahrhundert zu bringen“. Das habe er auch Verteidigungsministerin Klaudia Tanner von der ÖVP schon mitgeteilt. „Im Katastrophenfall ist es vollkommen egal, welche sexuelle Orientierung der Kollege neben mir hat“, so Stögmüller. Und Lindner ergänzt: „Jeder Mensch, der sich im Heer für unser Land einsetzt, muss das ohne Angst vor Beleidigungen oder Ausgrenzung tun können!“