Home News Chronik Lettland: 26-jähriger Schwuler nach mutmaßlicher Brandattacke gestorben

Lettland: 26-jähriger Schwuler nach mutmaßlicher Brandattacke gestorben

Mindestens 85 Prozent seiner Haut waren verbrannt - die Hintergründe sind unklar

Normunds Kindzulis
Normunds Kindzulis/Instagram

Ein mutmaßlich schwulenfeindliches Verbrechen erschüttert Lettland: Der 29-Jährige Normunds Kindzulis ist mit schweren Brandverletzungen im Treppenhaus seines Wohnhauses in der lettischen Stadt Tukums, etwa 60 Kilometer von Riga entfernt, aufgefunden worden. Nun starb er an seinen schweren Verbrennungen. Das berichten lettische Medien unter Berufung auf Kollegen des Mannes.

Letzte Woche fand ihn ein Freund brennend im Treppenhaus seines Wohnhauses

Ein Freund und Mitbewohner von Kindzulis war letzten Freitag gegen vier Uhr von den Schreien des 29-Jährigen aufgewacht und hat versucht, seinem Freund zu helfen. Dabei erlitt er selbst Verbrennungen an Händen und Füßen. Kindzulis wurde das nationale Zentrum für Verbrennungen in der Hauptstadt Riga gebracht, das sich auf Verbrennungen spezialisiert hatte – doch sie konnten ihm nicht mehr helfen: Medienberichten zufolge waren zwischen 85 und 100 Prozent seiner Haut verbrannt.

Der Fall erreichte große Aufmerksamkeit, weil ein Mitbewohner von Kindzulis, der 23-jährige Artis Jaunklavinš, den Verdacht äußerte, es könnte sich um ein schwulenfeindliches Hassverbrechen gehandelt haben. Die Feuerwehr hatte den Vorfall zunächst nur als Brand mit zwei Verletzten eingestuft. Kindzulis sei mit Brennstoff übergossen und angezündet worden, sagte Jaunklavinš einer Lokalzeitung aus Tukums. Beide Männer seien demnach letztes Jahr schwulenfeindlich beschimpft und mit dem Tod bedroht worden, wenn sie nicht wegzögen. Die Polizei soll eine Anzeige aber ignoriert haben.

Die lettische Politik zeigt sich über den Vorfall erschüttert

Der Fall schockiert Lettland. „Es gibt und kann keinen Ort für solche Gräueltaten in Lettland geben“, betonte etwa der offen schwule Außenminister Edgars Rinkevics auf Twitter. Und Ministerpräsident Krišjanis Karinš sagte nach einer Ministerratssitzung, Intoleranz, Homophobie und Gewalt hätten in der Gesellschaft des baltischen Landes keinen Platz. Die Regierung kündigte an, das Verhalten der Polizei zu untersuchen. Auch soll es Initiativen geben, den Kampf gegen Hassverbrechen in Lettland zu intensivieren. Das sei auch notwendig, betonen lokale LGBTI-Organisationen: Sie beklagen die Untätigkeit der Regierung bei homophobem Hass im Internet.

Doch die Hintergründe des Falles bleiben im Dunkeln: Recherchen des öffentlich-rechtlichen Senders LTV ergaben, dass Kindzulis in Riga wegen fünffacher Brandstiftung vor Gericht gestanden ist. Bei diesen Taten sei niemand verletzt worden, es habe aber Sachschaden gegeben. Da der Prozess durch den Tod des 29-Jährigen nicht fortgesetzt werde, gelte aber weiter die Unschuldsvermutung. Er soll die Taten allerdings gestanden haben, nach Vorliegen eines psychologischen Gutachtens wollte die Staatsanwaltschaft die Einweisung in eine Klinik beantragen.

Es soll wiederholt Angriffe auf die beiden Männer gegeben haben

Sein Mitbewohner sprach in späteren Interviews auch von anderen möglichen Motiven – etwa der Arbeit der beiden Männer im medizinischen Bereich. So war Kindzulis etwa seit 2015 Assistenzarzt im Notfallbereich. Er erzählte auch, dass Jaunklavinš am Donnerstagnachmittag im Treppenhaus von zwei Männern angegriffen wurde, gegen die er sich aber mit Reizgas wehren konnte. Die Tat am Freitag habe sich ereignet, als Kindzulis von der Nachtschicht zurückgekommen war. Die Polizei betonte, dass sie weiter „in alle Richtungen“ ermittle.

Allerdings solle bei allen Spekulationen über die Hintergründe niemand vergessen, dass Normunds Kindzulis „ständig verfolgt wurde“, so die lettische LGBTI-Organisation Mozaika: „Er wurde mit dem Tod bedroht, er wurde wiederholt angegriffen, er wurde die Treppe hinuntergestoßen, bis er unter ärztliche Aufsicht kam“, schrieb sie in Sozialen Medien. Die Polizei habe dabei nie auf Beschwerden reagiert, sondern nach Beweisen gesucht, dass er selbst verantwortlich sei. Deshalb sei es notwendig, alle Umstände umfassend aufzuklären.

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