Sonntag, 16. Juni 2024
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Lettland: Polizei geht beim Tod eines 29-Jährigen von Suizid aus

Der schwule Notfallmediziner wurde von seinem Mitbewohner brennend im Stiegenhaus seiner Wohnung gefunden

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Vor gut zwei Wochen erschütterte das Schicksal des lettischen Notfallmediziners Normunds Kindzulis nicht nur die LGBTI-Community: Der offen schwule 29-Jährige war mit schweren Brandverletzungen im Treppenhaus seines Wohnhauses in der Stadt Tukums, etwa 60 Kilometer von Riga entfernt, aufgefunden worden. Ein schwulenfeindliches Hassverbrechen stand im Raum. Nun hat die Polizei bekanntgegeben, dass es sich bei dem Unglück um einen Suizid gehandelt habe.

Sein Mitbewohner fand den brennenden Körper im Stiegenhaus

Das Drama ereignete sich in der Nacht zum 23. April: Kindzulis‘ Mitbewohner Artis Jaunklavinš war von den Schreien des brennenden Mannes wach geworden. Der 23-Jährige versuchte, den in Flammen stehenden Körper seines Freundes zu löschen und erlitt bei dem Rettungsversuch selbst schwere Verbrennungen an Armen und Beinen. Kindzulis wurde in eine Spezialklinik für Verbrennungen gebracht – zwischen 85 und 100 Prozent seiner Haut waren verbrannt. Wenige Tage später starb er an seinen Verletzungen.

Gegenüber lettischen Medien vermutete Jaunklavinš, dass Kindzulis von Homo-Hassern mit einem Brandbeschleuniger übergossen und angezündet wurde. In den letzten Monaten hätten die beiden Männer schwulenfeindliche Bedrohungen erhalten, auf die die Polizei nicht reagiert hätte. Am Tag vor dem Unglück sei Kindzulis von zwei Männern angegriffen worden, gegen die er sich aber wehren konnte, so der 23-Jährige weiter. Als weiteres mögliches Motiv nannte Jaunklavinš die Arbeit der beiden Männer im medizinischen Bereich.

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Kein schwulenfeindlicher Anschlag, sondern Suizid

Nun gab die lettische Polizei bekannt, dass die sichergestellten Beweise keinen Grund zu der Annahme gegeben hätten, dass es sich um eine schwulenfeindlich motivierte Straftat gehandelt habe. Vielmehr würde nun wegen eines möglichen Suizids ermittelt, so die Behörde gegenüber der Nachrichtenagentur LETA.

Mit Details hielt sich die Polizei zurück, da sie noch ermittelt – und zwar wegen eines Paragrafen des Strafgesetzes, mit dem Personen bestraft werden können, die andere zu einem Suizid oder Suizidversuch verleiten, und zwar entweder durch direkte Einwirkung oder „durch grausame Behandlung des Opfers oder systematische Herabsetzung seiner persönlichen Würde“. Ob ein konkreter Verdacht besteht, ist unklar.

Nach dem Bekanntwerden des Unglücks betonte etwa der offen schwule Außenminister Edgars Rinkevics auf Twitter, es gebe „keinen Ort für solche Gräueltaten in Lettland“. Und Ministerpräsident Krišjanis Karinš sagte nach einer Ministerratssitzung, Intoleranz, Homophobie und Gewalt hätten in der Gesellschaft des baltischen Landes keinen Platz.

Schon bald gab es bei den Recherchen über den Fall einige Fragezeichen

Allerdings wurde die Diskussion über das Thema in den letzten Tagen vorsichtiger. Recherchen des öffentlich-rechtlichen Senders LTV ergaben, dass Kindzulis in Riga wegen fünffacher Brandstiftung vor Gericht gestanden ist. Bei diesen Taten sei niemand verletzt worden, es habe aber Sachschaden gegeben.

Da der Prozess durch den Tod des 29-Jährigen nicht fortgesetzt werde, gelte aber weiter die Unschuldsvermutung. Er soll die Taten allerdings gestanden haben, nach Vorliegen eines psychologischen Gutachtens wollte die Staatsanwaltschaft die Einweisung in eine Klinik beantragen.

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