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Standard-Interview mit Kerosin95 war nicht sexistisch

Welche Fragen können einer nichtbinären Person gestellt werden - und warum?

Kerosin95
Hanna Fasching

In Wien hat sich der Presserat mit einem Interview beschäftigt, dass der Standard im März mit der Kunstfigur Kerosin95 geführt hat – und der Frage, welche Fragen einer nichtbinären Person gestellt werden können. Der Presserat, ein freiwilliges Kontrollgremium, sieht das Interview von der Pressefreiheit gedeckt, auch wenn es Beschwerden gab, dass es transphob, sexistisch und respektlos sei.

In dem Interview ging es um genderneutrale Sprache und Gleichberechtigung

Im Interview unter dem Titel „Die verinnerlichte Arroganz“ ging es zunächst darum, dass Kerosin95 auf genderneutraler Sprache bestehe. Dabei merkt der Interviewer an, dass Studien zufolge 0,5 Prozent der Bevölkerung trans seien und fragt, ob man deswegen die Sprache von 99,5 Prozent verändern solle. Kerosin95 antwortete, dass es mehr Leute seien, als wir glauben.

Danach geht es im Interview um die Frage, ob Gleichberechtigung als Ziel nicht wichtiger als die Befriedigung individuell gefühlter Bedürfnisse sei. Dazu nennt der Interviewer als Beispiel, dass George Floyd systematischer Rassismus trotz korrekter Ansprache als Afroamerikaner das Leben gekostet habe. Schließlich wird diskutiert, welche Formen der Anrede für Kerosin95 beleidigend seien.

Für einige Leser:innen war das Interview transphob und sexistisch

Daraufhin wandten sich zahlreiche Leser:innen an den Presserat. Sie kritisierten das Interview als transphob, sexistisch und respektlos. Außerdem bemängelten sie, dass Rassismus und die Sichtbarmachung nichtbinärer Geschlechter gegeneinander ausgespielt werden würden. Doch der Presserat teilte diese Meinung letztendlich nicht.

Denn bei der Fragestellung in Interviews haben Journalist:innen einen großen Ermessensspielraum, betont der zuständige Senat des Presserats. Während eines Interviews kritische oder sogar provozierende Fragen zu stellen sei ein Ausdruck der Pressefreiheit. Bei Interviews ist der Spielraum der Fragenden auch deshalb so groß, weil Interviewpartner:innen unmittelbar und spezifisch auf die Fragen eingehen könnten, so der Presserat weiter.

Für den Presserat war das Interview in Ordnung

Außerdem weist der Senat darauf hin, dass die Themen, die im Interview besprochen wurden, für den gesellschaftlichen Diskurs relevant seien. Auch deshalb sei die Presse- und Meinungsfreiheit von Vornherein weit auszulegen. Der Presserat konnte in dem Interview auch keine Diskriminierung gegenüber nichtbinären Menschen feststellen: Die zugespitzten Formulierungen seien vor allem deshalb gewählt worden, damit Kerosin95 Gegenpositionen thematisieren könne.

Außerdem setzen sich die Songtexte von Kerosin95 oft mit Geschlechterrollen und queerfeindlichen Alltagssituationen auseinander, von den Medien fordert Kerosin95 eine genderneutrale Berichterstattung. Auch deshalb ist es für den Presserat naheliegend, in dem Interview Fragen über Gender- und Geschlechterpolitik zu stellen.

Provokante Fragen, um Gegenpositionen zu bekommen

Für den Senat war es offensichtlich und nachvollziehbar, dass der Journalist Kerosin95 mit genderpolitischen Gegenpositionen konfrontieren wollte, die in Teilen der Gesellschaft nach wie vor verbreitet seien. „In Anbetracht dessen kann es der Senat nachvollziehen, dass der Journalist die verschiedenen Vorbehalte von Teilen der Gesellschaft in einem Interview mit einer nichtbinären Person aufgreift“, heißt es in einer Mitteilung des Presserats.

Auch die überspitzte Gegenüberstellung von gendergerechter Sprache und strukturellem Rassismus sei aus medienethischer Sicht unbedenklich, so der Presserat: Kerosin95 konnte die Position im Rahmen der Antworten ausführlich darlegen und dadurch auch gewisse Vorurteile entkräften. Eine gezielte Verunglimpfung von Minderheiten durch das Interview konnte der zuständige Senat des Pressrats nicht erkennen.

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