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Weil er der Polizei zu schwul aussah: Portugiese in der Türkei 19 Tage in Haft

Weil er den Behörden schwul vorkam, musste ein Portugiese 19 Tage in der Türkei im Gefängnis verbringen.

Miguel Álvaro reist gerne und viel – er hat bereits Stempel von mehr als 40 Ländern in seinem Reisepass. Darunter sind auch Länder, in denen Homosexualität illegal ist. Doch zum Alptraum wurde für ihn ein Urlaub in der Türkei. Denn drei Tage, nachdem er angekommen war, hat ihn die Polizei in Istanbul verhaftet, weil er zu schwul aussah. Das berichtet das portugiesische Online-Portal Publico .

Als er zum Mittagessen wollte, wurde er brutal festgenommen

Der 34-Jährige hatte ein Apartment gemietet, in dem er einige Tage alleine verbringen wollte. Doch als er am 25. Juni die Wohnung verließ, um Mittag zu essen, bemerkte er ein großes Aufgebot an Sicherheitskräften. An diesem Tag sollte, ausgerechnet in seinem Viertel, die verbotene Istanbul Pride stattfinden.

Ahnungslos ging er zu einem Polizisten, um nach dem Weg zu fragen. Doch damit begann ein 19 Tage andauerndes Martyrium. Denn dem Beamten erschien Álvaro, der als Lehrer in Brasilien arbeitet, „zu schwul“ – und das reichte an diesem Tag, um ihn zu verhaften.

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„Ich war von acht Polizisten umgeben“

„Ich war von acht Polizisten umgeben. Sie packten meine Arme und ich versuchte, mich zu befreien. Einer von ihnen schlug mich in die Rippen, sie drückten mich gegen einen Lieferwagen, schlugen mich auf die Schulter. Sie blutete“, erinnert er sich gegenüber Publico.

Zunächst musste er 13 Stunden schweigend im Polizeiwagen ausharren, der sich immer stärker füllte. Insgesamt wurden an dem Tag mehr als hundert Menschen verhaftet. Dann wurde er auf die Polizeiwache von Taksim gebracht. Dort durfte er niemanden kontaktieren. Mit ihm wurden auch ein Russe und eine queere Person aus dem Iran verhaftet.

Die ausländischen Verhafteten sollten abgeschoben werden

Doch während die anderen schnell wieder entlassen wurden, wurde den festgenommenen Ausländern gesagt, dass sie schnell in ihr Heimatland abgeschoben werden würden, wenn sie kooperierten – was für den Russen und die Person aus dem Iran allerdings im schlimmsten Fall den Tod bedeuten würde.

Schließlich ging es ins Abschlebezentrum von Tuzla bei Istanbul, das für seine schlechten Bedingungen berüchtigt ist. Von dort wurden die drei nach Sanliurfa gebracht, in ein Gefängnis, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt.

„Ich hatte seit meiner Verhaftung noch nicht geschlafen, gegessen oder Zugang zu meinem Handy gehabt“

„Wir sind Dienstagabend in Sanliurfa angekommen. Ich hatte seit meiner Verhaftung noch nicht geschlafen, gegessen oder Zugang zu meinem Handy gehabt, niemand wusste, wo ich war“, so der 34-Jährige: „Wir waren bis zum 13. Juli in diesem Gefängnis, mit Tschetschenen, Russen und Türken, die uns mit dem Tod bedrohten. Jede Nacht blieb einer von uns wach, um sicherzustellen, dass niemand in unsere Zelle kam, um uns etwas anzutun.“

Erst in der Woche darauf konnte Miguel Álvaro das erste Mal telefonieren. „Ich erinnere mich nur daran, mir den Namen des Ortes, an dem ich war, zu merken und meinen Vater anzurufen: ‚Ich wurde festgenommen, ich bin hier, ich brauche Hilfe‘.“ Der Vater alarmierte die portugiesische Botschaft in der Türkei – doch die ließ sich im Osten der Türkei nicht blicken.

Schließlich wurde er abgeschoben – nun will er für sein Recht kämpfen

18 Tage nach seiner Verhaftung bekam er schließlich die Information, dass er bald aus dem Gefängnis kommen sollte. Er wurde von der Polizei zum Flughafen Istanbul gefahren und flog von dort zurück nach Portugal. Bezahlt wurde die Reise von Istanbul Pride – der einzigen Organisation, die sich seit ihrer Inhaftierung um alle drei Männer kümmerte.

Sein russischer Mitgefangener wurde in seine Heimat abgeschoben. Er hatte Angst, von dort direkt in die Armee eingezogen zu werden. Die queere Person aus dem Iran blieb vorübergehend in türkischer Haft. Ein Anwalt kämpft gegen die Abschiebung, die ein Todesurteil bedeuten würde. Die Person soll – nachdem seine beiden Leidensgenossen aus dem Gefängnis entlassen wurden – von Mitgefangenen misshandelt worden sein.

Auch Álvaro sagt, er sei „in einem schlechten psychologischen Zustand“: „Ich kann nicht glauben, dass mir das passiert ist. Ich bete, dass Gerechtigkeit getan wird.“ Er will seinen Fall nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg (EGMR) bringen.

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