‚Tagesspiegel‘ füllt Sommerloch mit homophobem Artikel über schwulen SPD-Abgeordneten

Zeitung deckt auf: Johannes Kahrs folgt Pornostars auf Twitter

Johannes Kahrs
SPD-Bundestagsfraktion

Mit homophoben Andeutungen über den offen schwulen SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs versucht der Berliner „Tagesspiegel“ sich über das Sommerloch zu retten. Sein Vergehen: Er folgt auf Twitter auch einigen Pornostars.

631 Abgeordnete hat der deutsche Bundestag derzeit. Viele davon twittern – doch für „Tagesspiegel“-Redakteur Matthias Meisner ist nur der Account von Kahrs interessant. Folgt der Hamburger SPD-Abgeordnete – wie viele schwule Männer – auch einigen Erotikstars und Porno-Labels.

„Sex von hinten und von vorn“ – und pädophile Klischees

Im Artikel des „Tagesspiegel“ über Johannes Kahrs liest sich das dann so: Man finde auf diesen Profilen „Sex und Pornografie. Homosexuelle verbreiten in diesen Accounts, denen sich Kahrs als Follower anschloss, Fotos von nackten Männern, von hinten und von vorn, beim Sex, teils in Gruppenaufstellung“ – was ja eigentlich auch der Sinn dieser Accounts ist.

Dann, offenbar der Affäre Edathy eingedenk, dessen Vorliebe für nicht volljährige Knaben ihn in das Zentrum von Ermittlungen rückte, legt Meisner nach. Denn: „Die abgebildeten Personen sind fast alle Jahrzehnte jünger als Kahrs. Ob sie bereits volljährig sind, lässt sich nicht immer mit Sicherheit sagen.“ Wenn es um Schwule geht, scheint das „Tagesspiegel“ noch immer gerne pädophile Klischees aus den hintersten Ecken des Redaktion zu kramen.

Johannes Kahrs: „Das ist ein Politikum?“

Kahrs selbst kann die Aufregung des „Tagesspiegel“ nicht verstehen. „Ich folge Gott und der Welt“, sagt er der Zeitung. Und fügt hinzu: „Ich wusste nicht, dass das ein Politikum ist.“ Dem Frieden willen löschte er rund 30 Accounts, damit sei der Vorgang nun ja wohl „Geschichte“, so Kahrs.

Schwule Medien können die Aufregung nicht verstehen. Sie fühlen sich – wie das größte deutschsprachige Portal „queer.de“ an „die Adenauer-Zeit“ erinnert. Und die im Bruno Gmünder Verlag erscheinende „Männer“ ätzt in Richtung des „Tagesspiegel“: „Da es die fanatisch homophobe Katholiban-Internetseite kreuz.net seit einiger Zeit nicht mehr gibt, ist es gut, dass jetzt der „Tagesspiegel“ derartige Aufgaben zum Wohl unserer ganzen Gesellschaft und zum Schutze unserer Kinder übernimmt.“

Vorbote des neuen Konservativismus?

Gegenüber dem Magazin bekräftigt Johannes Kahrs auch, sich durch den „Tagesspiegel“-Artikel nicht einschüchtern zu lassen. Er sei schon immer mit seinem schwulen Leben sehr offen umgegangen: So wurden zum Beispiel auf seinem Gayromeo-Account auch Wahlplakate gezeigt. Sein Schwulsein verstecken und seinen Twitter-Account auf „nicht-öffentlich“ schalten, werde er sicher gerade jetzt nicht.

Auch die Leser des „Tagesspiegel“ teilen die Meinung ihrer Zeitung nicht unbedingt. „Es fängt schon an wie in den USA“, schreibt ein Leser, „fehlt nur noch, dass man die Bettwäsche der Politiker durchwühlt“. Und ein anderer Kommentar ätzt: „Als nächstes dann ’ne Exklusiv-Reportage bei GayRomeo oder was?“

Und auch die linke Tageszeitung „taz“ schüttelt bei dem „Tagesspiegel“-Artikel den Kopf: „Aus Meisners Text jedenfalls quillt der blanke Ekel angesichts von Männerärschen und Gruppensex.“, ärgert man sich dort. Der Text verwende „Stereotype, die im Jahr 2014 eigentlich überwunden schienen. Doch Meisner ist in den 50er Jahren hängengeblieben“, so die Bilanz der „taz“.

„Tagesspiegel“ verteidigt Artikel noch immer

Doch der „Tagesspiegel“ ist sich keiner Schuld bewusst. Onlinechef Markus Hesselmann erklärt auf Facebook, es gehe auch darum, „wie ein gewählter Volksvertreter mit den ihm aufgrund seines Amtes zur Verfügung stehenden Infrastrukturen umgeht.“

In einem Kommentar, der gestern Abend erschien, legt er noch einmal nach. Pornografie sei in Deutschland nur stark eingeschränkt erlaubt, verteidigt Ruth Clesinger heute ihren Kollegen. Es gehe darum, „weshalb das, was ein Abgeordneter mit seinem Twitter-Account macht, der auch sein Bundestagsbüro repräsentiert, anders beobachtet und bewertet wird als das entsprechende Tun eines beliebigen Bürgers“. Den Verdacht der Homophobie weist der Kommentar zurück. Nein, würde „zum Beispiel eine heterosexuelle Bundestagsabgeordnete Twitter-Accounts folgen, die ihr regelmäßig Bilder von kopulierenden Hetero-Paaren in die Timeline schickten, wäre das ebenso berichtenswert“, so Clesinger in ihrem Kommentar. Nur: Das hat der „Tagesspiegel“ nicht gemacht.