Tunesien: LGBT-Aktivist kandidiert als Präsident

Mounir Baatour will ein Zeichen setzen - die notwendigen Unterstützungserklärungen hat er schon beisammen

Mounir Baatour
Shams/Facebook

Bei der Präsidentschaftswahl in Tunesien will zum ersten Mal ein offen homosexueller Kandidat antreten: „Nach so vielen Jahren Kampf für die Rechte von Minderheiten habe ich realisiert, dass keiner einen besseren Job machen kann als man selbst“, so Mounir Baatour, Vorsitzender der ersten tunesischen LGBT-Organisation „Shams“ („Sonne“), am Dienstag.

Mounir Baatour kämpft seit Jahren gegen Homophobie in Tunesien

Er habe bereits mehr als die notwendigen 10.000 Unterstützungserklärungen für die Kandidatur, so Baatour. Mit seiner Organisation setzt er sich seit Jahren für die Entkriminalisierung von Homosexualität in Tunesien ein. Dort drohen nach Paragraph 230 des Strafgesetzbuches auf eivernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen bis zu drei Jahren Haft – ein Gesetz, das erst 1913 unter französischer Besatzung eingeführt wurde.

Die Paragraphen 210 und 226 stellen Transsexualität unter Strafe: Wenn ein Mann Frauenkleider anzieht, gilt das nach tunesischem Recht als Angriff auf die Sittlichkeit. Jedes Jahr werden so zwischen 60 und 100 Menschen auf Grundlage ihrer sexuellen Orientierung verurteilt. Erst Anfang des Jahres wurde ein Mann, der eine Vergewaltigung angezeigt hatte, wegen Homosexualität zu acht Monaten Haft verurteilt.

Die traditionelle Gesellschaft machte schon in der Vergangenheit gegen seine Pläne mobil

Auch gesellschaftlich ist Homosexualität in Tunesien ein Tabu: Als „Shams“ im Jahr 2015 gegründet wurde, warnten der tunesische Mufti und andere islamische Geistliche die Regierung in einem offenen Brief davor, dieser „Verletzung islamischer Werte“ zuzustimmen und den Verein als Organisation anzuerkennen.

Diese versuchte damals zu beruhigen: Die Initiative werde „nicht als Organisation zur Verteidigung von Homosexualität zugelassen“, so ein Regierungssprecher. „Shams“ solle lediglich die „Betreuung sexueller Minderheiten“ übernehmen, zum Beispiel die Verteidigung von Menschenrechten sowie die Aufklärung über Geschlechtskrankheiten, so die tunesische Regierung.

Tunesien wählt im November einen neuen Präsidenten. Der 92 Jahre alte Amtsinhaber Beji Caid Essebsi tritt dabei nicht noch einmal an. Reale Chancen auf das Präsidentenamt hat Baatour zwar nicht, sein Antreten ist aber ein wichtiges Zeichen für die Akzeptanz sexueller Minderheiten im Maghreb.