Neue Ermittlungen gegen Kardinal Pell

Der Kardinal sieht sich als Opfer, weil er für "christliche Grundsätze" eintrete

George Pell
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Erst in der letzten Woche hat das Oberste Gerichts Australiens die Verurteilung von Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs aufgehoben – doch nun gibt es gegen den 78-Jährigen, der einst der drittmächtigste Mann im Vatikan war, neue polizeiliche Ermittlingen. Pell selbst beteuert weiterhin seine Unschuld.

Die Polizei recherchiert Missbrauchsvorwürfe aus den 1970er-Jahren

Ein Mann wirft Pell vor, er habe ihn in den 1970er-Jahren sexuell missbraucht. Zu dieser Zeit war George Pell der für die Erziehung zuständige Vikar der Diözese von Ballarat. Bereits im Jahr 2015 beschuldigten zwei Männer, dass er ihnen zu dieser Zeit während dem Schwimmen immer wieder an die Genitalien gegriffen haben soll. 

Videos australischer Medien zeigen, wie am Dienstag mindestens vier Polizeibeamte das Priesterseminar in Melbourne betraten, in dem Pell seit seinem Freispruch lebt. Der australische High Court hatte letzte Woche die Verurteilung des ehemaligen Erzbischofs von Melbourne und Sydney nach mehr als einem Jahr im Gefängnis aufgehoben.

Ein Gericht in Melbourne hatte Pell wegen sexuellen Missbrauchs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Geschworenen der ersten Instanz sahen es als erwiesen an, dass er in den 1990er-Jahren als Erzbischof von Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht hatte.  Das Strafgericht wie auch das Berufungsgericht des Bundesstaates Victoria haben die Aussage des Mannes als glaubhaft eingestuft.

Experten betonen: Das Höchstgericht hat nicht über die Schuld des Kardinals geurteilt

Rechtsexperten betonten nach der Entscheidung des Höchstgerichts, dass die Richter nicht über die Schuld des Kardinals gerichtet hätten. Der High Court habe sich nur mit der Frage beschäftigt, ob es im Strafprozess und dem Berufungsverfahren juristische Formfehler gegeben habe.

Wegen des mutmaßlichen Missbrauchs Jugendlicher sind gegen Pell außerdem in Melbourne noch zivilrechtliche Klagen anhängig. Wahrscheinlich muss sich der Kardinal wegen seiner Aussagen vor dem staatlichen Missbrauchsausschuss auch wegen des Verdachts der Behinderung der Justiz vor einem Strafgericht verantworten.

In einem Fernsehinterview gibt sich Pell uneinsichtig und gibt sich als Opfer

Unterdessen gab Pell sein erstes Interview seit seiner Freilassung. Dem Sender Sky News sprach er von einem „Kulturkrieg“ gegen Menschen wie ihn, die für konservative christliche Werte einträten. Es gebe einen „systematischen Versuch“, christliche Grundsätze wie Ehe, Geschlecht und Sexualität zu beseitigen, so Pell.

Außerdem sagte der Kardinal, einen Tag bevor die Polizei tatsächlich kam, er wäre nicht überrascht, wenn er erneut wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt werden würde. Das wäre ein Hinweis darauf, dass er „Opfer eines Trends“ sei, den Anklägern zu glauben.

„Vor 30 bis 40 Jahren ist das Pendel massiv gegen jeden, der sagt, er sei angegriffen worden, ausgeschlagen. Heutzutage wollen wir nicht, dass es zurück schwingt, so dass jede Anklage als reine Wahrheit angesehen wird, das wäre ziemlich ungerecht und unangebracht“, so Pell.