Vorarlberger Nachrichten: Rundumschlag gegen queere Community

Trans Jugendliche "lassen sich ohne Not operieren, meist mit schlimmen Folgen für ihre seelische Gesundheit"

Vorarlberg
GGG.at

Heftige Kritik an einem Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten kommt von der sozialdemokratischen LGBTI-Initiative SoHo und der HOSI Wien. Unter dem Titel „Biologieleugner“ holt der Gastautor Rudolf Öller, von der Zeitung unter anderem als „Lehrbeauftragter des Roten Kreuzes“ tituliert, zu einem Rundumschlag gegen die gesamte queere Community aus.

Trans Jugendliche seien „leichtgläubige Teenager“, die sich von „Sexgurus manipulieren“ lassen

So greift Öller in seinem Artikel, der am 13. März erschienen ist, unter anderem gendergerechte Sprache an. Er schreibt: „Eine Folge des Glaubens an die Bedeutungslosigkeit biologischer Unterschiede führte paradoxerweise zur zwanghaften Dauererwähnung der Geschlechter, um diese im Alltag ‚abzubilden‘. Da wimmelt es von PolitikerInnen, Lehrer:innen, Arbeiter*innen, Arbeitnehmer/innen und anderen Stammelwörtern.“

Auch kritisiert er die adäquate medizinische Versorgung transidenter Jugendlicher – „leichtgläubige Teenager“ würden sich von „Sexgurus manipulieren“ lassen: „Sie fühlen sich im falschen Körper gefangen und lassen sich ohne Not operieren, meist mit schlimmen Folgen für ihre seelische Gesundheit“, wie mehr als 50.000 Leser:innen der Vorarlberger Nachrichten von Öller erfuhren.

„Wer X- und Y-Chromosomen für belanglos hält, der muss auch Blutgruppen für irrelevant halten“

„Die Unterleibsmythologen bedenken nicht, was passiert, wenn man Genderismus systematisch weiterdenkt. Wer X- und Y-Chromosomen für belanglos hält, der muss auch Blutgruppen für irrelevant halten“, so Öller weiter: „Kambodschaner dürfen Schweizer im Körper eines Asiaten sein, Schulabbrecher sind in Wahrheit Nobelpreisträger, gefangen im Körper eines funktionalen Analphabeten und Blaumeisen sind Steinadler.“

Es scheint, als ob er in nur wenigen Zeilen eine Verbindung zwischen der LGBTI-Community und der Geschlechterforschung auf der einen Seiten und Corona-Leugner:innen, Sekten und Kindesmisshandlung auf der anderen Seite herzustellen versucht.

SoHo Vorarlberg: „Beitrag ist Grenzüberschreitung und direkter Angriff“

Für die Vorsitzende der SoHo Vorarlberg, Anna Klinger, steht fest: „Dieser Beitrag ist nicht nur eine Grenzüberschreitung, sondern ein direkter Angriff auf die Arbeit unzähliger Menschen in Vorarlberg, die sich für ein selbstbestimmtes und stolzes Leben für alle einsetzen – unabhängig von unserer Sexualität und Geschlechtsidentität. Solcher Hass kann und darf nicht unkommentiert bleiben!“ Und Bundesvorsitzender Mario Lindner ergänzt: „Meinungsfreiheit endet dort, wo unwissenschaftliche Vergleiche verbreitet werden, um die Freiheitsrechte von anderen anzugreifen.“

Der Artikel reihe sich „in eine Kaskade rückschrittsgewandter Attacken ein, die uns bereits aus rechtskonservativen, und gegen LGBTIQ gerichteten, Kreisen bekannt sind, deren Ziel es ist Hass gegen uns zu schüren und unsere Rechte zu beschneiden“, so auch die HOSI Wien in einer Aussendung: „Sein Schwadronieren über Chromosomen, Hormone und primäre Geschlechtsorgane lässt uns einige Jahrzehnte zurückblicken, als auch homosexuelle Beziehungen unter dem Deckmantel von Biologie und Natürlichkeit verfolgt und bestraft wurden.“

Rotes Kreuz distanziert sich von den Aussagen ihres Ex-Lehrbeauftragten – die Vorarlberger Nachrichten nicht

Mittlerweile hat sich das Vorarlberger Rote Kreuz von den Aussagen Öllers distanziert. Er habe seine Lehrtätigkeit für den Verband bereits 2019 beendet. Die Chefredaktion der Vorarlberger Nachrichten betont allerdings nur, dass die Meinung bei „Gastkommentaren aus dem gesamten Spektrum des Verfassungsbogen“ nicht mit der Redaktion übereinstimmen muss.

Die Zeitung, immerhin das größte Blatt des Bundeslandes, verstehe sich als Medium „für alle Menschen, die in Vorarlberg leiben und somit als Plattform für möglichst unterschiedliche Meinungen“. Eine Entschuldigung oder Verständnis für die Kritik sucht man in der Stellungnahme der Chefredaktion vergebens.