Trotz Ehe-Öffnung: Immer mehr LGBTI-feindliche Gewalt in der Schweiz

LGBTI-Gegner fühlen sich von der gesellschaftlichen Situation bedroht - und werden immer öfter handgreiflicher

Flagge der Schweiz
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Am Sonntag hat sich die Schweizer Bevölkerung mit großer Mehrheit für eine Öffnung der Ehe ausgesprochen – doch die Gräben, die im Zuge dieser Abstimmung aufgerissen wurden, werden wohl noch lange nicht zugeschüttet werden: So verzeichnete die LGBT+-Helpline, ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer LGBTI-Vereine, eine Verfünffachung der ihr gemeldeten Übergriffe. 

„Ich sah, wie Plakate verbrannt wurden“

Dass gut zwei Drittel aller Stimmen schweizweit für die Ehe-Öffnung waren ist eigentlich ein deutliches Votum – doch trotz entsprechender Umfragen stemmten sich die Gegner:innen im Vorfeld mit aller Kraft dagegen. „Ich sah, wie Plakate verbrannt wurden“, sagte Olga Baranova, Ja-Kampagnenleiterin, in einer Podiumsdiskussion. Der Abstimmungskampf sei einer der gewaltsamsten gewesen, den sie je erlebt habe. 

Auch Aktivist:innen sind vor der Abstimmung angegriffen worden: „Auf einmal spürte ich einen Schlag gegen die Brust. Der Mann stand plötzlich da, hat mich angepöbelt und geboxt“, erinnerte sich etwa die 36-jährige Lea, die Flyer für die Ehe-Öffnung verteilte, im Gespräch mit der Gratis-Zeitung 20 Minuten

Der Hass schlug auch in körperliche Gewalt um

So etwas sei ihr in 10 Jahren Aktivismus noch nie passiert, obwohl sie als ehemalige Präsidentin des „Zürich Pride Festival“ schon einiges gehört hat. „Was mir dieser Mann an den Kopf geworfen hat, war schon heftig.“ Dinge wie „du grusige Lesbe» oder «Ich f*** dich, du Lesbe“, habe der Mann immer wieder gebrüllt. 

Der Anstieg LGBTI-feindlicher Gewalt machte sich auch bei der Schweizer LGBT+-Helpline bemerkbar. „Statt einem bis zwei Fälle pro Woche erhält sie einen bis zwei Fälle pro Tag“, so Baranova. Als Grund für die Angriffe sieht Roman Heggli, Geschäftsleiter der Schwulen-Organisation Pink Cross, Verzweiflung, die in Wut umschlägt.  

Pink Cross will einen Aktionsplan gegen queerfeindliche Gewalt

„Die Gegner:innen der ‚Ehe für Alle‘ merken, dass die Akzeptanz von queeren Menschen in der Bevölkerung immer mehr vorhanden ist“, erklärt er: „Sie fühlen sich dadurch bedroht und wissen nicht, wie sie sich noch wehren sollen. Dies kann leicht in Aggression umschlagen.“ 

Pink Cross will das Schweizer Parlament nun mit einer Petition zum Handeln bringen: Ein Aktionsplan soll gemeinsam mit den Schweizer LGBTI-Organisationen Sensibilisierungs- und Präventionsmaßnahmen gegen Queerfeindlichkeit erarbeiten. Weiters fordert Pink Cross die statistische Erfassung und Auswertung von LGBTI-feindlichen Hassverbrechen.