Mehr als 120 Mitarbeitende der katholischen Kirche outen sich als queer

Die Betroffenen wollen einfach "ohne Angst offen leben und arbeiten"

Sujetbild: Kirche
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In einer bislang beispiellosen Aktion haben sich in Deutschland mehr als 120 Mitarbeitende der römisch-katholischen Kirche als queer geoutet. Unter ihnen sind Pfarrer, Ärzt:innen, Religionslehrer:innen, Verwaltungsangestellte, Gemeinde- und Pastoralreferent:innen oder Leiter:innen von Jugendverbänden. Sie fordern unter anderem, „ohne Angst offen leben und arbeiten“ zu können. Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland mehr als 30.000 LGBTI bei der römisch-katholischen Kirche.

Mit ihrem Coming-Out stellen sie ihren Job aufs Spiel

Die Aktion läuft unter dem Hashtag #OutInChurch, auf der dazu gehörenden Website reden viele der hauptamtlichen, ehrenamtlichen und ehemaligen Mitarbeiter:innen der römisch-katholischen Kirche zum ersten Mal über ihre sexuellen Orientierungen. Das ist nicht ohne Risiko – denn da diese nicht den Lehren der Kirche entsprechen, drohen ihnen für ihr öffentliches Coming-Out berufliche Konsequenzen.

Um „ohne Angst offen leben und arbeiten“ zu können, müsse das kirchliche Arbeitsrecht geändert werden, fordern sie – damit eine offen gelebte nicht-heterosexuelle Partnerschaft „niemals als Loyalitätsverstoß oder Kündigungsgrund“ gewertet werden könne. Weiters wollen sie Nicht-Heterosexuellen einen „diskriminierungsfreien Zugang zu allen Handlungs- und Berufsfeldern der Kirche erhalten“.

Die Kirche müsse „diffamierende und nicht zeitgemäße Aussagen“ zu Sexualität revidieren und gegen „jede Form von Diskriminierung“ eintreten, lautet eine weitere Forderung. Außerdem solle die Kirche aufhören, nicht-heterosexuellen Menschen den Zugang zu Sakramenten zu verweigern. Das Leid, das die Kirche durch ihre diskriminierende Haltung verursacht hat, soll aufgearbeitet werden, Bischöfe sollen ihre Schuld eingestehen.

Die Kirchen dürfen queere Mitarbeiter:innen wegen ihrer sexuellen Identität kündigen

Wie Bernd Mönkebüscher, Pfarrer von Hamm, der Deutschen Presse-Agentur (DPA) erklärte, seien die Betroffenen durch die Aktion #ActOut, bei der sich 185 Schauspieler:innen öffentlich geoutet hatten, zu diesem Schritt inspiriert worden. Der Priester war bereits letztes Jahr in die Schlagzeilen gekommen, als er in ganz Deutschland Segnungsgottesdienste für schwule und lesbische Paare initiiert hatte.

Die Schauspieler:innen hätten damals kritisiert, dass sie sich nicht offen zu ihrer sexuellen Identität bekennen könnten, ohne berufliche Nachteile befürchten zu können. Das gelte für die römisch-katholische Kirche in noch stärkerem Maß, betont Mönkebüscher: „Die Gemeindereferentin, die ihre Freundin heiraten will, verliert ihren Job“, erklärt der Geistliche. Denn derzeit dürfen die Kirchen in Deutschlands – anders als Privatfirmen – queere Mitarbeiter:innen wegen ihrer sexuellen Identität kündigen.

Zusätzlich zu den Aktivitäten im Internet gibt es heute, Montag, zu dem Thema auch eine Dokumentation in der ARD: In „Wie Gott uns schuf“ von Hajo Seppelt, Katharina Kühn, Marc Rosenthal und Peter Wozny sprechen Teilnehmer:innen von #OutInChurch zum ersten Mal vor einer Kamera über ihr Versteckspiel und die Angst vor einem Coming Out. Die Dokumentation war ursprünglich für 22.50 Uhr geplant und wird nun wegen des großen Interesses auf 20.30 Uhr vorverlegt. In der ARD-Mediathek ist sie bereits zu sehen.

Solidarität von vielen römisch-katholischen Verbänden und Organisationen

Rund 20 katholische Verbände und Organisationen solidarisieren sich mit mit den queeren Katholik:innen. „Es darf nicht länger hingenommen werden, dass Menschen in kirchlichen Kontexten aus Angst gegenüber Kirchenvertreter*innen ein Schattendasein führen müssen, wenn sie nicht dem von der Kirche normierten Geschlechterbild entsprechen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Unterzeichnet ist diese Erklärung unter anderem vom Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), vom Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB), der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), dem Forum katholischer Theologinnen „Agenda“, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sowie der Arbeitsgemeinschaft katholischer Hochschulgemeinden (AKH).

„Dies ist ein Freudentag für die Kirche“, erklärte Thomas Pöschl, Vorstandsmitglied der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK), zur Aktion. Man beglückwünsche alle zu diesem mutigen Schritt. Der „starke Impuls“ trage hoffentlich dazu bei, dass sich die Haltung der katholischen Kirche gegenüber LGBTI ändere, so Pöschl. Allerdings sei auch zu befürchten, dass Mitglieder von #OutInChurch arbeitsrechtliche Konsequenzen erleiden müssten, warnte die HuK.

Auch der Hamburger Erzbischof unterstützt die Aktion

Unterstützung für die Aktion kommt Hamburger Erzbischof Stefan Heße. „Eine Kirche, in der man sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss, kann nach meinem Dafürhalten nicht im Sinne Jesu sein“, so Heße in einer ersten Stellungnahme. Der Erzbischof, der sich schon vor zwei Jahren vom offiziellen Kurs des Vatikans zu Homosexualität distanziert hatte, bot den Aktivist:innen aus dem Erzbistum Hamburg ein Gespräch an.

Die Initiative #OutInChurch erhöht den Druck auf die Führung der römisch-katholischen Kirche in Deutschland: Sie versucht gerade, durch den „synodalen Weg“ Vertrauen zurückzugewinnen, das sie im Zuge des Missbrauchsskandals verloren hat. In verschiedenen Foren diskutieren Laien und Bischöfe mögliche Reformen – etwa in Fragen zur Sexualmoral oder zur Rolle der Frau in der Kirche. Konservative Kirchenvertreter – auch aus dem Ausland – geht dieser „synodale Weg“ allerdings zu weit, sie versuchen den Prozess zu torpedieren.