Tschetschenien: Lange Haftstrafen für queeres Brüderpaar

Die Vorwürfe sind offensichtlich an den Haaren herbeigezogen

Gefängnis
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In Tschetschenien sind am Montag zwei queere Jugendliche zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Dem 18-jährige Ismail Isaew und seinem zwei Jahre älteren Bruder Saleh Magamadow wurde die Unterstützung einer illegalen bewaffneten Gruppierung vorgeworfen: Der Anklage zufolge sollen sie einen mutmaßlichen islamischen Terroristen durch die Weitergabe von Nahrung unterstützt haben.

Die vorgebrachten Vorwürfe sind absurd

Für die Verteidigung der beiden Burschen waren die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft eine unbewiesene Farce: Gegenüber Radio Free Europe sagte einer ihrer Anwälte, es sei absurd, dass ein schwuler Mann und eine trans Person in Transition ausgerechnet einen Islamisten unterstützt haben sollen.

Er ist sich sicher, dass die beiden in Wirklichkeit verfolgt werden, weil sie sexuellen Minderheiten angehörten – und, weil sie den amtierenden Präsidenten Ramsan Kadyrow kritisiert hatten. Die Anwälte der Jugendlichen hatten vergeblich versucht, den Prozess in eine andere Region Russlands zu verlegen. Die Brüder selbst sind deshalb auch zwei Mal in Hungerstreik gegangen.

Die Teenager reden von erpressten Geständnissen und Einschüchterungen

Seitdem sie nach Tschetschenien überstellt worden waren, saßen die Jugendlichen in Untersuchungshaft. Ihnen wurde teilweise der Zugang zu einem Rechtsbeistand verweigert, sie berichten von erpressten Geständnissen und Einschüchterungen gegen sich und ihre Familie. Nun wurde ihnen im Bezirksgericht von Atschchoi-Martan der Prozess gemacht.

Nach Angaben der Rechtsbeistands-Organisation NC SOS wurde Magamadow zu einem Jahr Gefängnis und sieben Jahre in einem strengen Arbeitslager verurteilt. Isaew, der zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten noch minderjährig war, muss sechs Jahre in eine reguläre Arbeitskolonie. Die beiden Brüder haben auf nicht schuldig plädiert. Ihre Anwälte wollen gegen das Urteil Berufung einlegen.

Amnesty International fordert die sofortige Freilassung der Geschwister

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial bezeichnete die Burschen als politische Gefangene, Amnesty International hatte noch am Montag die sofortige Freilassung der beiden gefordert. In der unabhängigen Zeitung Nowaja Gaseta  kritisiert der Anwalt Alexander Nemow das Urteil als „Verbrechen am gesunden Menschenverstand“.

Isaew und Magamadow waren 2020 mit Hilfe des russischen LGBT-Network aus Tschetschenien geflohen und in Nischni Nowgorod, einer Großstadt rund 400 Kilometer östlich von Moskau, untergebracht. Von dort wurden sie im Februar 2021 verschleppungsartig festgenommen, nach Tschetschenien überstellt und dort verhört.

„Mir ist klar, dass Salekh und Ismail bereits in Tschetschenien getötet worden wären, wenn die Medien nicht auf ihre Situation aufmerksam gemacht hätten. Ich bin mir bewusst, dass die von den Ermittlern erfundene Beschuldigung ein Versuch ist, die an den Geschwistern begangenen Verbrechen zu legitimieren“, so Nemow weiter.