Mittwoch, 17. Juli 2024
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Ukraine: Bürgerwehr plündert LGBTI-Zentrum in Kiew

Einem Bewohner soll ein Strick um den Hals gelegt worden sein, einem anderen der Lauf einer Waffe in den Mund

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In der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist eine Gruppe von Vandalen in das Büro einer LGBTI-Organisation eingedrungen, hat die Anwesenden angegriffen und das Büro verwüstet. Dabei soll es sich um Angehörige des Kiewer Zivilschutzes handeln, wie der LGBTI-Aktivist Andriy Maymulakhin berichtet. Das sind zivile Einheiten, die mit Waffen ausgestattet wurden, um Kiew vor dem russischen Einmarsch zu verteidigen.

Die Bürgerwehr drang unter einem Vorwand in das LGBTI-Zentrum ein

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht auf Dienstag gegen Mitternacht: Wie LGBTQ Nation berichtet, versuchte eine Gruppe von Männern eine Stunde lang, die Eingangstüre zum LGBT Human Rights Nash Mir Center aufzubrechen. In der Vier-Zimmer-Wohnung wohnen auch zwei schwule Paare, die währenddessen erfolglos versuchten, die Polizei zu erreichen.

Nachdem sich die Vandalen Zutritt zu den Räumlichkeiten verschafft hatten, rechtfertigten sie ihre Tat damit, dass die Fenster des LGBTI-Zentrums nicht ausreichend verdunkelt gewesen wären. Das sei aber nicht der Fall gewesen: Die Fenster seien mit Papier verklebt gewesen, betont Maymulakhin.

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Das Büro wurde geplündert, die Anwesenden gedemütigt

Dann begannen die Vandalen, das Büro zu verwüsten und zu plündern. Die Anwesenden wurden gedemütigt: So soll einem ein Strick um den Hals gelegt worden sein, einem anderen der Lauf einer Waffe in den Mund. Einer der Angreifer soll einen Bewohner sogar gebissen haben. Dann stahlen sie unter anderem Geld und die Schlüssel für ein Auto. 

Die beiden Paare, die im LGBTI-Zentrum gelebt haben, sind mittlerweile in eine andere sichere Unterkunft geflohen. Andriy Maymulakhin glaubt: „Wir wurden angegriffen, weil wir eine LGBT-Organisation sind.“ Nun bittet er um Spenden , um das LGBT Human Rights Nash Mir Center nach dem Krieg wieder aufbauen zu können. „Aber jetzt geht es einmal darum, zu überleben“, so der Aktivist.

Trotz deutlicher Zeichen: Die Lage sexueller Minderheiten in der Ukraine ist schwierig

Das LGBT Human Rights Nash Mir Center ist seit fast 20 Jahren ein Dreh- und Angelpunkt der queeren Community in Kiew. Es bietet unter anderem Information und rechtlichen Beistand. Dabei bekommt es Gegenwind aus der Bevölkerung: Einer Umfrage aus dem Jahr 2016 zufolge haben 60 Prozent der Ukrainer:innen Probleme mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder trans Personen.

Trotzdem ist die Lage für sexuelle Minderheiten in der Ukraine besser als in einigen Nachbarstaaten. „Die Ukraine ist ein europäisches Land. Wir haben eine zehnjährige Geschichte von Pride-Märschen, und wie sie wissen, ist die Situation in Russland das Gegenteil“, erklärt Edward Reese von Kyiv Pride dem US-Sender CBS .

Der Einmarsch der russischen Armee in der Ukraine sorgt in der LGBTI-Community vor Ort für weitere Angst: Nach US-Informationen haben die Angreifer Listen mit Personen der Zivilgesellschaft, die nach einer Besetzung ausgeschaltet werden sollen – darunter auch viele LGBTI-Bürgerrechtler:innen. Sie müssen nun um ihr Leben fürchten.