ÖVP-Familienministerin Karmasin jetzt doch für die Öffnung der Ehe

Weil sie der nächsten Regierung nicht mehr angehört, rückt die Ministerin nun auch offiziell von der Parteilinie ab

Sophie Karmasin
Christian Jungwirth

Dass Familienministerin Sophie Karmasin der nächsten Regierung nicht mehr angehören wird, ist bekannt: Sie hat Anfang August ihren Rückzug aus der Politik bekanntgegeben. Das führt dazu, dass sie nun auch in Interviews ihre persönliche Meinung statt der Parteilinie vertritt.

Für Karmasin ist Familie der Ort „wo man sich zu Hause fühlt“ – und das müssen nicht heterosexuelle Eltern sein

Wenn es um Rechte für schwule und lesbische Paare ging, war die öffentliche Performance schon immer holprig. So hat sie sich in der Vergangenheit immer wieder für eine ÖVP-Ministerin weit vorgewagt. So bezeichnete sie im Dezember 2013 die Öffnung der Stiefkind-Adoption als „Riesenschritt“. Ein Monat später definierte sie in einem Interview mit der Tageszeitung „Heute“ Familie als Ort, „wo man sich zu Hause fühlt“ – und ergänzte: „Aus meiner Sicht als Ministerin sind das zwei Menschen mit Kindern – das sind nicht zwingend die leiblichen Eltern, nicht zwingend heterosexuell.“

Dem entsprechend fiel auch ihre Rechtfertigung für das Nein der ÖVP bei der „Ehe für alle“ recht holprig aus. Vor einem Jahr begründete sie es im „Standard“-Sommergespräch mit heimischen Traditionen: Es sei „zu berücksichtigen, dass die Ehe, auch im katholischen Sinne, für eine große und relevante Gruppe einen wichtigen Stellenwert hat. Das ist zu respektieren“, erklärte die Familienministerin damals. Ein überzeugtes Nein sieht anders aus.

Bei einem Interview zum Ende ihrer Amtszeit macht Sophie Karmasin ihre persönliche Meinung ganz deutlich

Und gestern kam dafür auch die Bestätigung. Sophie Karmasin war für ein Bilanz-Interview beim Privatsender PULS 4 zu Gast. Zu Beginn ihrer Amtszeit hatte man durchaus den Eindruck, sie wäre für eine Öffnung der Ehe zu haben, leitete Infochefin Corinna Milborn die Frage ein – aber man hatte den Eindruck, sie habe ihre Meinung zurückgehalten, weil sie Ministerin für die ÖVP war.

Dem widerspricht Karmasin nicht: „Ich glaube, wenn man in einem Team arbeitet, gibt es natürlich gewisse Themen, die man gemeinsam entscheiden muss – das muss man respektieren“, sagt die scheidende Familienministerin ungewohnt offen. Und sie fügt hinzu: „Meine persönliche Meinung ist klar – die hat sich nicht geändert: Ich persönlich, aber ich entscheide nicht  für die Partei, bin für die Ehe für alle.“ Allerdings solle man die Parteimeinung respektieren.

Damit widerspricht Sophie Karmasin ihrem Parteichef: Sebastian Kurz hat zuletzt im ORF-Sommergespräch im August den Kurs der Volkspartei bekräftigt. „Es gibt aus meiner Sicht keine Diskriminierung mehr“, erklärte er Moderator Tarek Leitner auf eine entsprechende Frage. Dass das Rechtskomitee Lambda (RKL) noch 32 Unterschiede zwischen Eingetragener Partnerschaft und Ehe auflistet, dürfte Kurz geflissentlich übersehen.

SoHo kritisiert ÖVP dafür, dass Familienministerin sich bei gesellschaftspolitischen Fragen verstecken muss

Beim politischen Mitbewerber sorgt das Interview für Aufsehen. „Dass Sophie Karmasin sich für die ‚Ehe für alle’ ausspricht zeigt wieder einmal deutlich, wie weit die ‚neue‘ alte Volkspartei in dieser Frage der Mehrheit der Bevölkerung hinterher hinkt“, erklärt Mario Lindner, Vorsitzender der SPÖ-LGBT-Organisation SoHo. „Was sagt es denn über die ÖVP aus, wenn sich die Familienministerin über vier Jahre hinweg mit ihrer Meinung zu einer zentralen gesellschaftspolitischen Frage wie der Gleichstellung homosexueller ÖsterreicherInnen verstecken muss?“, so Lindner